Ulrike Gabriel

Interview mit Ulrike Gabriel, 06.06.2018

Interviewer: Okay, dann fangen wir doch mal an damit, dass wir uns nach 1990 zurückbeamen, das ist ja das Jahr von Hotel Pompino. Wer warst du denn zu dem Zeitpunkt? Also was war deine Position, aus der heraus du dich an diesem Projekt beteiligt hast?

Ulrike Gabriel: Ich habe Kunst studiert an der Akademie der bildenden Künste in München und wir hatten dort das, ich glaube, eins der ersten Medienstudios überhaupt in Europa organisiert über das Computer Integration Program. Wir hatten begriffen, dass wir auch eine Universität sind als Akademie der bildenden Künste. Also dann in dieses Computer Integration Program gefallen und dann, ich glaube, so 150.000 DM aufgetrieben für Equipment. Da damals sozusagen die Studentenvertreterin gesagt hatte, sie wird sich nicht für Medien einsetzen, weil da müsste man erstmal 50 Prozent der Studenten davon überzeugen, der Akademie, Künstlerstudenten, dass Medien was Wichtiges sind und wenn mehr als 50 Prozent der Studenten der Meinung wären, dass das nichtig wäre an der Akademie der Künste, würde sie sich dafür einsetzen. Und dann haben wir gesagt: „Okay, keine Energie mehr darein, anderer Thread. Ich glaube, dass letztendlich daraus auch die ganze Medienkunstszene entstanden ist, genau aus diesem Schlüssel, weil da einfach kein Platz war in der klassischen Kunst. Und dann haben wir einen Antrag geschrieben und uns ein Studium mit Amigas und Videoschnittplatz und so weiter besorgt als Klasse, als Klasse Gerhard Berger der bildenden Künste München.

Interviewer: Können Sie kurz was zu diesem Professor sagen?

Ulrike Gabriel: Das war ein Typograph oder ist ein Typograph und Graphiker. Der ist sozusagen in den 86er-Unruhen Professor geworden und die Studenten wollten ihn als Professor, also das hatte mich damals beeindruckt und er hat mich vor allem in Ruhe gelassen und unterstützt. Also da konnte man frei studieren und da war auch übrigens Tamiko Thiel in der gleichen Klasse. Also die kam dann später dazu und Detlef Hartung und Georg Trenz, die jetzt diese großen Lichtinstallationen machten. Und wir haben zusammen mit Eckhard Westermeier, die Professur hier in Hildesheim, der war damals Assistenz, haben wir diesen Antrag geschrieben und dann hatten wir das Studium bekommen. Und dann habe ich sozusagen noch ein Praktikum machen müssen formal, weil man müsste für die Akademie in München so und so lange Praktikum machen. Ich weiß jetzt aber nicht mehr, wie ich ihn kennengelernt hatte, aber ich kannte (unv., #00:02:56#) TV und das fand ich hochspannend, weil das waren ja die echten Piraten. Die echten Medienpiraten in Europa und er war noch in Amsterdam und hat auch noch Fernsehen gemacht im freien Kanal und hatte eben dieses Archiv. Und dann habe ich ihn gefragt, ob ich bei ihm Praktikum machen kann und war dann mehrere Monate in Amsterdam. Und meines Wissens nach, aber es kann sein, dass ich mich völlig falsch erinnere, hatte ich dann meinen Amiga, den ich über dieses Computer Integration Program sozusagen dann geschenkt bekommen hatte von der Firma, ja? Durch meine ganze Arbeit. Deshalb hatte ich einen Computer. Den habe ich da reingestellt in das Studio (Stampe?, unv.) in Amsterdam und dieses Studio, das hatten so zwei, meines Wissens nach, Mädels mit Rollerskates sich erfahren, die Buttons verkauft haben in Amsterdam. Und von dem Geld haben sie dann dieses Videostudio gemacht, dieses legendäre. Und diesem Studio war in dem Moment auch Gideon May und hat dieses… Ich weiß nicht mehr, wie das Ding hieß, dieses von Jeffrey Shaw jeden Tag und Gideon May und haben dieses Fahrrad-Opus-Ding… Wie heißt das?

Interviewer: The Legible City

Ulrike Gabriel: Ja, genau, programmiert. Und das waren sozusagen nebenan. Und ich hatte meinen Amiga da stehen und habe aber mit Menno gearbeitet und habe da meine… Also Chart… Directorprogrammierte, eigentlich schon generative Sache gemacht und das hat Karel Dudesek gesehen. Der war da irgendwie zu Besuch. Das ist meine Erinnerung. Die kann falsch sein. Und meinte dann: „Na, das ist ja interessant, hast du nicht Lust? Wir machen da was Tolles, bla, bla bla“ und dann habe ich danach noch meine Freundin Angela (Prims?) aus München, die auch Amiga hatte und mit der ich schon zusammengearbeitet habe. Also die war auch da in erster Stunde am endlos Schleifen bauen. Wir haben eigentlich alle Schleifen gemacht und Schleifen hintereinander gehängt in komplexere Schleifen und daraus Installationen gemacht in dem Moment. Und das war aber schon Programmieren, ne?

Interviewer: Aber jetzt gehen wir nochmal einen Schritt zurück.

Ulrike Gabriel: So sind wir dahin gekommen, ne? Und jetzt hat mir aber Michael (Saub?) vorhin am Telefon, den ich nochmal gefragt habe, gesagt, er hätte Mike Hentz aus Frankfurt gekannt und wir kannten uns wieder von einem Kölner Videofestival der Hochschulstudenten. Wie gesagt, es gab ganz wenig Leute, die damals so was gemacht haben. Und die haben sich ganz schnell, auch innerhalb von Deutschland, kennengelernt, weil da gab es dann zwei, drei Festivals. Da ist man hingefahren und hat die anderen gesehen.

Interviewer: Aber jetzt nochmal einen Schritt zurück. Du hast gesagt, ihr habt für die Kunstakademie Computer anschaffen wollen. Warum eigentlich? Was hat dich dazu gebracht? Warum hast du gedacht, das könnte ein künstlerisches Werkzeug sein? Zu der Zeit waren Computer ja noch diese zehn Doppelpunkte, da muss man Befehle eingeben, was hat dich daran gereizt, mit diesem unheimlich klobigen Medium zu arbeiten?

Ulrike Gabriel: Na ja, ich muss dazu sagen… Also mein Vater hatte eine Firma, die hieß Datentechnik Gabriel und hatte sozusagen… Der war vorher irgendwie… Hat bei (unv.) gearbeitet, immer mit Maschinen zu tun gehabt, Druckmaschinen und so weiter und immer irgendwie Sales und neueste Innovationen aus Amerika und das war bei uns immer schon Thema. Bei meinem Vater daheim schon und dann hat er später sich selbständig gemacht und Software entwickelt. Also unter anderem eine der ersten Übersetzersysteme und so weiter. Und wir hatten dann immer diese Rechenzentren-Anbindung und immer irgendwelche Computer rumstehen und mich hat das nicht die Bohne interessiert. Ich habe das aber immer mitgekriegt von klein auf und dann habe ich sozusagen… Das hat mich überhaupt nicht interessiert. Da war die Informatik-AG dann bei uns und hingen über dem ersten PC. Das war so ein Riesenkasten und ich war affin. Ich habe das verstanden, aber ich habe es nicht gemacht sozusagen. Und dann später in der Akademie habe ich gemalt, sehr intensiv und bin dahin gekommen, dass ich sozusagen immer über Male und über Male… Und ich hatte so Zeiten, da war ich so exzessiv, auch sensuell, dieser Farbe ausgesetzt, dass ich wirklich so quasi Kreislaufkollapse hatte, weil ich das nicht mehr zusammengekriegt habe, weil ich da so ausgesetzt war. Und da kam aber nichts bei raus, weil das ging immer weiter. Ich konnte immer wieder anzetteln, immer weiter machen. Ich meine, man hat ein System von Farbzusammenhängen, Formzusammenhängen. Man macht eine kleine Veränderungen und sofort entsteht wieder was Neues. Es war in dem Moment schon das Prozesshafte, was mich eigentlich interessiert hat und es kam kein Ergebnis bei raus. Und ich habe sozusagen immer solange gemalt, bis alles kackebraun war oder schwarz. Und als ich gesehen habe, diese ersten Computerbilder, auch bei meinem Vater schon, habe ich gedacht: Mensch, das ist es! Also es muss der Prozess des Bildes in der Zeit sein, den man erzeugt und das selbst ist das Bild und das nicht einzelne Abziehbild auf der Oberfläche. Und deshalb war in dem Moment, wo der Amiga dann da war… War ich sozusagen schon offen dafür und schon wach und habe gesehen, oh jetzt geht was, jetzt brauchen wir was.

Interviewer: Du redest wie ein Buch. Auf einer Skala von eins bis zehn bei unseren heutigen Interviewpartnern bist du auf Platz elf. Ich glaube gerade, diese ganzen Einschränkungen machen das. Das ist wunderbar. Nicht, dass du denkst, dass das hier nicht funktionieren würde oder so, super. Gut, also, du lernst den Karel kennen und der merkt, dass du da so eine Affinität für Computer hast und lädt dich ein, bei Hotel Pompino mitzumachen. Was bedeutet das denn konkret überhaupt? Also hat man dafür Geld bekommen?

Ulrike Gabriel: Habe ich auch wieder jetzt erfragen müssen, weil ich wirklich… Nach 21 Jahren lösche ich… Das kommt, glaube ich, auch vom sehr viel Programmieren, weil man sozusagen immer wieder eine neue Sprache lernt und dann muss man alles wieder vergessen. Und andere Leute haben ein besseres Langzeitgedächtnis, entschuldige.

Interviewer: Was bedeutete es, bei Hotel Pompino mitzumachen? War man da angestellt, hat man da einen Vertrag gehabt?

Ulrike Gabriel: Ach, das war in dem Moment eigentlich… Mir war das total egal. Ich hatte die Situation, dass ich als Einzelkünstlerstudent in München da mal einen Einzelkampf hatte und war völlig fasziniert davon, dass es plötzlich einen Riesenhaufen Leute gibt, die gemeinsam so ein wildes Projekt machen. Und das fand ich unglaublich toll. Ich konnte mir dann sozusagen leisten… Das war für mich was Angewandtes. Also es war gar nicht jetzt so meine Arbeit, sondern ich habe gerne denen geholfen, ihr ganz tolles Projekt zu machen sozusagen. Also das war eigentlich meine Situation. Insofern war ich da auch immer relativ unberührt, wenn es da emotional hoch her ging, weil ich hatte da keine… Also ich fand vor allem toll, dass das überhaupt stattfindet. Und da war es auch nicht wichtig, ob man dafür bezahlt wird. Ich kann mich gar nicht erinnern. Ich glaube, wir haben ein bisschen so symbolisch was bekommen. Aber das war ja auch klar, dass man so verwegene Haudegen im Medienbereich… Das war ja völlig klar, auch so ein verwegenes Experiment, Hotel Pompino, ja? Da gab es nichts, absolut nichts vorher und das war einfach faszinierend und da muss man natürlich mitmachen, klar.

Interviewer: Das war ja der erste Elektroniker. Das heißt, das ist da von Null auf gestartet geworden. Da gab es schon Vorbereitungen in Deutschland oder anderswo?

Ulrike Gabriel: Wie meinst du jetzt?

Interviewer: Na ja, da muss ja eine Software geschrieben werden und…

Ulrike Gabriel: Michael hat mir davon erzählt. Der hatte den Kontakt auch schon, bevor die in dem Ponton Media Art Lab in Hamburg waren. Das war ja dann so ein ganz schicker Raum, in dem dann da die Bluebox eben auch aufgebaut wurde und so. Und ich glaube, meines Wissens war ich dann da das erste Mal auf einem Workshop dort, der anscheinend zur Vorbereitung war, damit die Leute sich kennenlernen… Das werden dir die Pontons besser erzählen können, aber ich denke mal, die werden sich da angeschaut haben, wer wirklich mitmachen kann und so. Und gleichzeitig wurde man schon getuned auf das, was da kommt und schon vorbereitet. Und die hatten aber das das Projekt schon am Laufen und das war dann wie so ein Vorbereitungsworkshop. Das war, glaube ich, das erste Mal, als wir in Hamburg waren und da bin ich, glaube ich, auch schon mit meiner Kommilitonin Angela (Prims?) hingefahren. Und wir sind dann sozusagen… War das ein Jahr? Also ziemlich lange Zeit immer regelmäßig… Ich kann mich nicht mehr erinnern, wie oft, mit dem Auto von München nach Hamburg gefahren, haben dort kurz gearbeitet und sind dann wieder zurückgefahren und es war sehr anstrengend. Ich weiß noch, einmal war die Angela so müde… Soll ich das erzählen? Nein. Aber echt, die hat dann Micky Mäuse gesehen im Autofahren, weil wir so übermüdet waren. Also es war wirklich irgendwie teilweise sehr anstrengend, das ganze Van Gogh. Also so eine Erinnerung kommt mir gerade.

Interviewer: Und es gab kein Geld, aber trotzdem war das so attraktiv?

Ulrike Gabriel: Das war egal.

Interviewer: Weil ihr unbedingt dran teilnehmen wolltet?

Ulrike Gabriel: Ja.

Interviewer: Okay und was war jetzt deine konkrete Aufgabe?

Ulrike Gabriel: Ich will mal sagen, ich kann mich irgendwie erinnern an Mike. Weil für mich war auch der stärkste Bezugspartner in dem Ganzen war eigentlich Mike und Benji natürlich, was die Technik betrifft natürlich. Und er hat auch die Vorgaben oder sozusagen Vorlagen… Gegeben. Er hat mir eigentlich die Technologie gegeben, mit der man es machen kann und so, aber im Grunde war die Aufgabe, die künstlerische Aufgabe… Es war ja keine künstlerische Aufgabe, sondern eine angewandte, war: Wir brauchen ein Hotel, in dem machen wir ganz tolle Performances, Mike Hentz, der Performancekünstler. Und in jedem Raum findet eine andere Performance statt und es sind 40 Zimmer. Bitte bau uns ein digitales Hotel mit 40 Zimmern und das war meine Aufgabe. Ich habe dann mit mehreren anderen, die haben die Animation gemacht und ich habe die Hymne selbst gebaut. Also ausgedacht, programmiert und ich habe natürlich diese blöde, alberne Menüleiste, die es im Hotel Pompino gab… Das fand ich unglaublich originell… Aber auch mit meiner Computergeschichte von vorher, wo es jetzt Windows gab und oben die Menüleiste mit Mausführung, dass dann so einen Performer über den Kopf zu bauen. Und er fasst dann mit der Hand wie der Meister rein und löst dann so die Menüs aus. Ich fand das toll.

Interviewer: Aber das heißt, du hast nur 3D-Modelle von diesen Räumen gebaut?

Ulrike Gabriel: Nein, es waren alles Amiga 2000, gemalte Schleifen. Es waren kleine Animationen, kurze Animationen, die damals gingen, die dann irgendeine inhaltliche Definition hatten. Das war eine Vorgabe, die kam von der Performancegruppe, die hat das ausgearbeitet. Was brauchen wir für Performanceräume? Ich kann mich nicht mal mehr, so schlecht ist mein Gedächtnis, an die Namen der Räume erinnern, ja? Aber da müsstest du auch hier andere Leute nochmal drüber fragen, also wenn es dann um Hotel Pompino geht, weil das ein anderes Konzept war. Jedenfalls waren das eigentlich alles kurze Animationen, die als Schleife sozusagen dann endlos waren, aber irgendeine Bewegung erzeugt hatten und was damals auch neu war. Und das dann als Bluebox, weil der Performanceraum, in dem dann die Performances stattgefunden haben. Und diese Räume waren vernetzt. Und ich bin dann beim Nachdenken drauf gekommen, dass es völlig idiotisch ist, einen 40-Raum…3D-Raum zu imaginieren, dass das Geniale am Computer eben ist, dass du was ganz anderes machen kannst, was nicht physikalisch ist. Und die Skizze habe ich leider nicht. Die ist noch in Argentinien in einer Kiste, die ich geradem Organisieren bin. Das ist sozusagen ein Raum geworden, aus dem drei Ausgänge sind, die alle wieder zurückführen in denselben Raum. Und dann geht man raus aus dem Raum und wenn man draußen ist, wird man umgezogen und dann geht man wieder rein. Und so hat man dann ein endloses Hotel mit endlos vielen Zimmern und nicht nur 40.

Interviewer: Wie würdest du denn die Arbeitsatmosphäre beschreiben? War das eher so egalitär, jeder hatte seine Freiräume oder gab es da Chefs und auch Angestellte?

Ulrike Gabriel: Ach, sowohl als auch. Also ich denke mal, du musst dir vorstellen… Also bei Hotel Pompino waren das, ich würde mal sagen… Da gab es dann auch die Vorbereitungsphase… War völlig anders als das live senden. Es waren immer andere Arbeitssituationen und dann gab es da in den Gruppen nochmal eine andere Arbeitssituation. Es war ja in verschiedenen Gruppen organisiert. Ich fand, ich hatte eine totale Freiheit… Die Anwendung war eigentlich, dass ich in dem Projekt, das schon was vor hat, dass ich was mache und ich mich auf diesen Gedanken, den jemand anderes hat, einlasse, was ich als Freikünstlerin nie habe, ne? Aber innerhalb von dem war ich komplett frei. Also es war eine gute Arbeitssituation. Also man konnte doch einbringen, was man zu bringen hatte, also in jeder Hinsicht.

Interviewer: Wir haben jetzt gerade so Material von Piazza virtuale digitalisiert, also Unterlagen. Und da gab es so Protokolle von Teamsitzungen. Da gab es auch Beschwerden über autoritäres Verhalten, über Rumgebrülle, Cliquenbildung.

Ulrike Gabriel: Ach ja, natürlich, das gab es alles, klar. Das gab es bestimmt, also da gab es alles. Nur wie gesagt, ich habe das auch vergessen, weil mich hat das kalt gelassen. Weil ich habe da mein Ding gemacht und fand es eine tolle Möglichkeit und superspannend und dann habe ich sozusagen diese sozialen, extremen Situationen, die auch unter dem Stress und der Anspannung, die ja teilweise dann entstanden ist durch diese… Ich meine, das ist schon was, live zu senden. Weil das war ja nicht… Live senden ist ja nicht live senden, es gibt nie Livesendungen im Fernsehen. Alles, was sogenanntes live ist außer Fußball, ist nicht live. Das heißt live und wird irgendwie mindestens eine Stunde vorher im Studio gemacht und dann gesendet. Und dann ist nochmal ein roter Knopf dazwischen. Also da wird nochmal geschnitten zur Not. Und wir waren wirklich drauf. Ich weiß gar nicht, ob das… Also das ist wirklich eine Ausnahmesituation und dann hat man, ich glaube, auch die ganze Aufmerksamkeit von all den Leuten in irgendeiner Form energetisch zu verarbeiten, die da drauf gucken. Also das ist wissenschaftlich noch nicht erforscht, aber ich bin mir sicher, da ist noch was zu holen. Weil das ist eine andere Atmosphäre sozusagen, diese Aufmerksamkeit von Bewusstseins, die da drauf schauen und das sozusagen… Selbst wenn es einkanalig ist und eindirektional, nur gesendet wird, was ja da auch nicht so war. Sondern das Geniale war, dass war das erste Mal ein interaktives Fernsehen. Also die Leute konnten rein telefonieren, rein btx-en was weiß ich, was das alles war. Aber das war eine völlig neue Situation.

Interviewer: Bevor wir darüber sprechen, vielleicht mal einen kleinen Schritt zurück. Du sagst, wir hatten da in Hamburg so ein Großraumbüro. Ich selbst habe mir diese Skizzen oder die Pläne von dieser Containercity da in Kassel angeguckt. Das war ja auch alles recht sparsam und überhaupt nicht gestaltet und designt. Gleichzeitig halt so relativ extreme Arbeitsbedingungen. Da habe ich gedacht, das klingt eigentlich so ein bisschen wie ein Start Up-Unternehmen. Siehst du da ähnliche Parallelen, dass man halt für nichts arbeitet, aber aus Erfüllung, die man aus der Arbeit bezieht…

Ulrike Gabriel: Es ist mir echt wichtig. Ich kann zu Piazza virtuale nichts sagen. Ich kann nur über Van Gogh TV, Hotel Pompino und über Minus Delta T und wenn man das versteht, Minus Delta T, das Künstlerische… Also den Wahnsinn, diese Radikalität da drinnen, in den Minus-Delta-T-Projekten und dann sieht, wie diese Künstler aus Minus Delta T sozusagen dann… Wie sich das da darüber entwickelt hat… Und wenn man dann als ganz junger Künstler da sozusagen… Obwohl man formal völlig was anderes im Sinn… Also an ganz anderer Kunst interessiert. Das hat gezogen. Da haben Leute wirklich Kunst gemacht, ja? Das war wirklich interessant. Das waren dann sozusagen alles Erscheinungen und Formen, die auch interessant waren, das zu sehen, was dann passiert, wenn 50 Leute eben unter solchen Bedingungen non-stop senden, zwei Wochen lang auf 3Sat, ja? Und alles ist offen, alles ist improvisiert. Die Leute sind ständig sozusagen gefordert kreativ, ständig kreativ. Das ist ja unik, also da passieren alle möglichen Dinge, die man sonst nicht erlebt, ja?

Interviewer: Aber nochmal dieser Vergleich zwischen dieser Arbeitssituation, die du beschreibst und den Start-Ups der Gegenwart…

Ulrike Gabriel: Nein, das war nicht so, überhaupt nicht. Das war ja reiner Idealismus. Wir saßen beim Senden in Linz. Da war nichts start-uppiges. Das war eher so… Das hätte ja auch alles ein großer Mist werden können, eine schlimme Sache und dann hätte es danach nie wieder ein Projekt gegeben vielleicht, keine Ahnung. Es war jetzt kein erfolgsversprechende technologische Umsetzung oder so was, sondern es war ein totaler Wahnsinn. Da haben Leute angerufen und haben gesagt: „Ist das jetzt das Irrenhaus?“ Das war auch künstlerisch ein totaler Wahnsinn.

Interviewer: Ja, in den Akten haben wir einen Artikel aus der Bildzeitung gefunden, da war die Überschrift: Die schlechte Fernsehsendung aller Zeiten.

Ulrike Gabriel: Genau, da waren wir stolz darauf (lachend). Wir haben uns schlappgelacht, weil ich meine, das waren natürlich… Da gab es immer wieder kleine, superinteressante, schöne Sachen und wenn man das einfach als experimentelles Feld begreift. Allein die Möglichkeit, die die Gruppe geschaffen hat, so was auszuprobieren, ist historisch unik. Also wann schafft man das schon? Das ist eine Kunst. Also das ist auch eine künstlerische Leistung, weil das war wirklich eine freie, kreative Sache. Das war nicht irgendwie ein von oben runter delegiertes Ding. Und natürlich gab es da drinnen eine Struktur und natürlich gab es da die Kerngruppe, die genau wusste, was sie will. Und es hat sicher gedauert, bis man das dann verstanden hat so als Fußvolk, ja? Natürlich war man Fußvolk, weil man war ersetzbar und natürlich sind die Leute, die sich die eigentlichen Kernideen ausgedacht haben, nicht ersetzbar, verstehst du? So sehe ich das.

Interviewer: Es gibt ja einige Folgen von Hotel Pompino im Internet bei YouTube. Hast du das…

Ulrike Gabriel: Ach so, halt, ich muss noch was korrigieren. Es war keiner ersetzbar. Nein, das stimmt nicht, was ich gerade gesagt habe. Das Tolle war, dass jeder wirklich mit dem genommen wurde, was er mitgebracht hat. Also es hat sich dann auch geändert. Wenn jemand anderes das gemacht hat, war es nicht dasselbe, ja? Klar.

Interviewer: Okay, jetzt habe ich meine Frage vergessen. YouTube, genau. Es gibt ja einige Folgen von Hotel Pompino bei YouTube. Hast du die in letzter Zeit mal angeguckt und wenn ja, was war denn Resumé, nachdem du das wieder gesehen hast?

Ulrike Gabriel: Ich muss sagen, ich habe das während meiner Zeit als Professorin sozusagen im Grundkurs… Hotel Pompino war eine der Sachen, die die Studenten sich anschauen mussten. Da hatte ich von Rotraut Pape ein paar Auszüge. Der hat mir ein Tape geborgt, da habe ich mir ein paar Auszüge vorbereitet, die ich dann gezeigt habe. Und zwar kurz nach John Cage so ungefähr (lachend). Hat wunderbar zusammengepasst. Also das ist für mich ein Standard, künstlerisches Basisding im bewegten Bild und was man damit machen kann und in vielen Hinsichten… Also prozesshaft Arbeiten, da gibt es sehr viele Aspekte, wo man von Van Gogh-TV was lernen kann, heute noch.

Interviewer: Du hast vorhin ja kurz auch Minus Delta T hingewiesen, so als von außen kommender Beobachter fällt das sehr schwer, das erstmal zusammenzubringen. Also jetzt gibt es da so diese punkige Performancegruppe, wo es viel um Konfrontation und Provokation geht und dann dieses Fernsehprojekt. Du hast gesagt, es ist eigentlich eine vollkommen stringente Entwicklung. Können Sie das noch ein bisschen ausführen, wo dann…

Ulrike Gabriel: Das finde ich eben schade, ja? Deshalb fände ich es gut. Ich finde, das ist so wertvoll, auch kulturell wertvoll und ich finde das auch wirklich toll, dass du das machst, weil ich glaube, da ist eine Menge zu holen. Und da muss man drüber nachdenken. Also ich finde das schade, dass das jetzt so verflacht, da vor sich hin zu plappern… Ich habe es jetzt nicht auf dem Schirm, aber ich kann dir da jetzt nur so spontane Antworten geben. Die sind eigentlich unsinnig. Weißt du, was ich meine? Also wirklich. Das ist die Frage, wie das zusammenhängt, das ist interessant. Das hängt sicher zusammen. Also ich kann dir nur sagen: Für mich war Mike Hentz mit Vorsicht zu genießen, aber wirklich großartiger Künstler irgendwie. In diesem Perfomativen und dieser Radikalität und das kam sicher von Minus Delta T, ja? Auf der anderen Seite habe ich da ganz klar meine Grenzen gehabt meiner Generation auch, ja? Aber ich habe gesagt: „Nein, so machen wir das nicht. Wir machen andere Sachen.“ Aber in der Freiheit des künstlerischen Arbeitens zum Beispiel, ja, ist das einfach ein Künstler, der da irgendwie von diesen Projekten, die die gemacht haben… In der eigenen Arbeit, würde ich mal sagen, da in direkter Linie dahin kommt, wenn er davor diese performativen Sachen gemacht hat da im Zug in Polen und so weiter. Das kennst du, ne? Wo sie sich Militäruniformen angezogen haben. Das ist ja nicht punkig, ist das punkig? Ich weiß nicht. Ich finde, das hat einen großen künstlerischen Freiheitsgrad und eine ziemlich heftige… Auch in der Dimension, wie groß… Also mit Leuten, ja? Diese Societys, die die immer generiert haben, ja? Die hatten immer sehr viele Leute im Schlepptau und Van Gogh-TV. Also das hatte ja Minus Delta TV auch schon, die diesen Hinkelstein da um die Welt gefahren haben und dann waren da wahnsinnig viele Leute involviert. Und das sind natürlich auch Vernetzungen und das ist lebendige Kunst sozusagen und das war sicher auch ein Ausdruck der Zeit auf höchstem Niveau, ja? Dass man sowas überhaupt machen kann. Weißt du, was ich meine? Und das hat in den klassischen Kunstverhältnissen… Deswegen waren die für mich langweilig, wer sowas gesehen hat, der geht doch nicht in die Galerie und steht da mit einem Sektglas rum.

Interviewer: Kannst du vielleicht noch ein bisschen was erzählen so zu den Umgangsformen der Sozialkultur…

Ulrike Gabriel: Also da geht man auch hin… Nein, das will ich aber nicht.

Interviewer: Das willst du keinem erzählen, okay, gut. Schade, das wäre…

Ulrike Gabriel: Das mit der Galerie war jetzt auch wieder nicht in Ordnung zu sagen, weil natürlich macht man beides. Aber wenn ich mir überlege… Du musst dir überlegen, wie langsam und wie widerstrebend… Diese ganze Kunstszene, diese ganze akademische Szene, wie verhalten, wie wenig experimentell, wie langweilig, wie grottenschlecht im Hinterhinken der Entwicklung. Die ist bahnbrechend, neu, man hätte die Welt verbessern können, statt da zu landen, wo wir jetzt sind, hätte man die Medien anders einsetzen können, ja? Und das ist erst 20 Jahre her. Und das, finde ich, ist mit einer Verantwortung… Diesen ganzen alten, schwarzen Kram weiter zu betreiben, dieses Hierarchische, diese Systeme der Auswahl des Winner- und Losertums und so weiter. Und solche Projekte, solche wahnsinnigen Projekte, solche offenen Projekte, die Vernetzungsprojekte, die so viele Leute kreativ miteinander vernetzt haben, ohne dass es irgendwie jemand begriffen hat, was da eigentlich wirklich läuft, ja? Die haben das ja irgendwie auch auf eine Art unterwandert, ja?

Interviewer: Was würdest du denn für dich persönlich sagen, was ist das, was bei dir für dich geblieben ist von diesem Projekt, weil du sagst, weil da so angewandte… Wie ist dein Résumé für deine persönlichen…

Ulrike Gabriel: Auch da würde ich gerne drüber nachdenken. Ich finde das ein bisschen komisch, dass so spontan rauszuplappern, weil ich würde dir in zwei Stunden später wieder was völlig anderes erzählen. So sind Prozesse und so ist prozesshaftes Arbeiten und wenn man das weiß und das studiert hat und sich damit viele Jahre befasst, kommt man dahin, dass es um die Prinzipien geht, die dahinter liegen. Es geht nicht um das, was auf der Oberfläche flackert, sondern auf das Prinzip, das generiert, was auf der Oberfläche dann zu sehen ist. Und da muss man weiterforschen und tiefer gehen und länger drüber nachdenken und nicht einfach nur Anekdoten aneinanderreihen.

Interviewer: Das gehört leider auch zu solchen Filmen dazu, dass man den Geschichtenhunger des Publikums auch füttert, indem man halt konkretere Erinnerungen… So Anekdoten können auch sehr illustrativ und sehr einsichtsfördernd sein, aber gut. Gibt es, weil du da jetzt so viele Vorbehalte gehabt hast, wovon du von dir aus, wo du sagst, das ist noch nicht vorgekommen, das würde ich aber gerne noch gesagt haben? Das könntest du jetzt loswerden.

Ulrike Gabriel: (…) Es gibt ganz viel zu sagen dazu und irgendwie auch nichts. Ich weiß nicht.

Interviewer: Um es zum Abschluss zu bringen: Warum, wenn du da so integriert warst und auch so toll gefunden hast, auch diese ganze Arbeitssituationen und die Menschen, mit denen du da zu tun hattest, warum hast du dann bei Piazza virtuale nicht mitgemacht? #00:29:27-0#

Ulrike Gabriel: Mich hat keiner gefragt, ganz einfach. Ich habe weder gewusst, dass es stattfindet, noch… Und ich war wirklich sehr beschäftigt, weil ich habe in der Zeit ja schon meine ersten Ausstellungen gehabt, auch schon bei Hotel Pompino. Also ich war wirklich da schon voll am Machen. Und wie die anderen auch, die da in den Teams waren. Das waren lauter Leute, die… Da hast du auch die Namen dann nochmal gehört und die haben auch alle irgendwie ein gutes Werk hingelegt.

Interviewer: Hättest du denn gerne mitgemacht?

Ulrike Gabriel: Ja, ja, klar. Ich hätte da nochmal, wenn mich jemand gefragt hätte, hätte ich da mitgemacht, klar. Logisch.