Workshop

Kultur-Back-Up.
Ein Workshop zum Erhalt von digitalem Kulturgut.
Eine Veranstaltung des Instituts für Mediengestaltung (img) des Fachbereichs Gestaltung und des Studiengangs Zeitbasierte Medien an der Hochschule Mainz. Gefördert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft im Rahmen des DFG-Projekts „Van Gogh TV. Erschließung, Multimedia-Dokumentation und Analyse ihres Nachlasses“.
Veranstaltungsort: LUX, Pavillon der Hochschule Mainz, Ludwigsstrasse 2, 55116 Mainz, 29. & 30. Oktober 2019

Das Internet vergißt nichts? Von wegen!

Tatsächlich verschwindet jeden Tag digitales Kulturgut – Websites, die vom Netz gehen, Emails, die gelöscht werden, Apps, die nicht mehr aktualisiert werden, Dateien, die keine Software mehr lesen kann, Spiele, die auf der neuen Konsole nicht mehr laufen.

In diesem Workshop werden Vertreter von verschiedenen Initiativen und Organisationen zusammen kommen, die dem schleichenden digitalen Schwund etwas entgegenzusetzen versuchen. Denn andernfalls könnte von unserem Zeitalter und der zunehmenden Digitalisierung aller Lebensbereiche irgendwann keine Dokumente und Relikte übrig bleiben und unsere Gegenwart als ein „dunkles Zeitalter“ gelten, über das die zukünftige Menschheit wenig wissen wird.

Die Veranstaltung ist Teil eines DFG-Projekts, das von der Hochschule Mainz zusammen mit der Universität Bonn durchgeführt wird. Das Kooperationsprojekt beschäftigt sich mit dem Medienkunstprojekt „Piazza Virtuale“, das die Künstlergruppe Van Gogh TV 1992 bei der documenta 9 durchführte und das heute als Vorläufer der sozialen Medien betrachtet werden kann. Als Teil des Projekts werden die materiellen und virtuellen Relikte der 100-tägigen Medienaktion aufgearbeitet, theoretisch und historisch analysiert und bewerte sowie für die langfristige Archivierung bereit gemacht.

Am Abend des 29. Oktobers werden Mitglieder von Van Gogh TV mit Projektleiter Prof. Dr. Tilman Baumgärtel über „Piazza Virtuale“ sprechen. Am 30. Oktober berichten Medienarchivare aus Deutschland, Holland und den USA über ihre Arbeit.

Die Keynote hält Michael Connor, künstlerischer Direktor Leiter von Rhizome.org, einer New Yorker Kunstorganisation, die seit Ende der 90er Jahre Netzkunst in Auftrag gibt und archiviert. Er wird über die Erfahrungen sprechen, die er beim Aufbau der konkurrenzlosen “Net Art Anthology“ und der daraus hervorgegangenen Ausstellung „The Art Happens Here: Net Art’s Archival Poetics“ (2019) am New Museum in New York gesammelt hat.

Die meisten Vorträge und Gespräche sind auf Deutsch. Vorträge mit englischen Titeln und Inhaltsangaben finden in Englisch statt.

PROGRAMM

Dienstag, 29. 10. 2019, 19:00 Uhr


Ein Abend mit Van Gogh TV
Benjamin Heidersberger, Mike Hentz, Karel Dudesek, Salvatore Vanasco
Moderation: Prof. Dr. Tilman Baumgärtel, Hochschule Mainz

Mittwoch, 30. 10. 2019

9:30 – 10:30
Keynote

Begrüßung: Prof. Dr. Tilman Baumgärtel, Hochschule Mainz
Michael Connors, Rhizome.org New York: The Art Happens Here. Rhizome´s measures to preserve internet art

10:30 – 11:45

1. Panel: Institutionen und Individuen I
Tobias Steinke, Deutsche Nationalbibliothek, Frankfurt/M.: nestor – Kompetenznetzwerk digitale Langzeitarchivierung der Deutschen Natinalbibliothek
Robert Sakrowski, freier Kurator, Berlin: Kuratieren, Archivieren und Kontextualisieren von NetzKunstAktivitäten seit 1999
Moderation: Prof. Dr. Tilman Baumgärtel, Hochschule Mainz

12:00 – 13:15

2. Panel: Rekonstruktionsprojekte

Tjarde De Haan, Bits And Bytes United, Amsterdam: FREEZE! The Reconstruction of The Digital City. A Case Study of Webarchaeology
Dr. Josephine Bosma, Autorin und Theoretikerin: Preserving Early Telecommunications Art – Can we revive 40 year old works we only know from documentation?
Moderation: Julian Weinert, M.A., Hochschule Mainz

13:15 – 14:15
Mittagspause

14:15 – 15:30:

3. Panel: Werkzeuge

Prof. Florian Jenett, Hochschule Mainz: Die Piecemaker-Software und ihre Anwendung im künstlerischen und wissenschaftlichen Bereich
Yvonne Zindel, Universität der Künste, Berlin: What if. Zum Potential von Games für das digitale Archivieren
Moderation: PD Dr. Christoph Ernst, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

15:45 – 17:00

4. Panel: Institutionen und Individuen II
Tina Sauerländer, Radiance, Berlin: Radiance. Ein Recherche-Portal zu Virtual Reality-Kunst
Dr. Alexander Zeisberg, Mediensammlung des documenta Archivs, Kassel: Viel zu wenig, viel zu spät. – Warum der (öffentliche) Kultursektor den Netzgiganten so unterlegen ist
Moderation: Laura Katharina Mücke, M.A., Universität Wien

17:00
Abschluß
Prof. Dr. Tilman Baumgärtel, Hochschule Mainz

Die Vorträge und die Referenten:

Ein Abend mit Van Gogh TV


Benjamin Heidersberger
* 1957 in Wolfsburg, Physiker, Biologe und Informatiker (abgebrochen). Mitbegründer der Künstlergruppe Head Resonance Company in Wolfsburg 1978, des Ponton-Lab in Hamburg 1989 und seitdem deren Leiter. Gründer von Kulturserver im Jahr 2000 und des Instituts Heidersberger im Jahr 2002. Verschiedene große Medienprojekte (Van Gogh TV, Ars Electronica, documenta) in Europa, USA und Japan. Seit 2010 die algorithmische Klavierkomposition „Pentatonische Permutationen“. Kuratorin des „Drehmoment“-Festivals in Stuttgart 2017/2018. Publikationen zu Computer, Medien und Gesellschaft sowie Vorträge zu interaktiven Medien. https://de.m.wikipedia.org/wiki/Benjamin_Heidersberger


Mike Hentz
* 1954 in New Jersey (USA) ist ein internationaler Grafiker, Fotograf, Musiker, Performancekünstler und Videokünstler. Er war Mitglied der Musiktheater-Performancegruppe padlt noidlt, und gründete 1979 die Performancegruppe Minus Delta t[1] mit. 1980 war er Mitbegründer von „Frigo“ und „Radio Bellevue“ in Frankreich, 1989 von „Ponton European Media Art Lab“. 1988 realisierte er eine Ausgabe des Videokunst-Magazins Infermental. Er verwirklichte in den 1990er Jahren mit Van Gogh TV das Projekt „Piazza Virtuale“ und mit „Universcity TV“ zahlreiche interaktive Fernsehveranstaltungen via Kabel oder Satellit. In den 80er und 90er Jahren hatte er mehrere Gastprofessuren an der Hochschule für bildende Künste Hamburg und lehrte von 2003 bis 2008 an der Kunstakademie Stuttgart Intermediales Gestalten.


Karel Dudesek

* 1954 in Prag geboren. Er studierte in Wien und Düsseldorf, arbeitete als Künstler und Musiker und trat in Großbritannien, den USA, Deutschland, Österreich und Frankreich auf. Er war Mitbegründer von Minus Delta t, einer Performance- und Musikgruppem und Ponton, die 1992 bei der documenta 9 das Medienexperiment Piazza Virtuale durchfühten. In seiner akademischen Laufbahn hatte er Lehraufträge in Wien und London und war Initiator zahlreicher Festivals und Projekte in Europa. Neben dem digitalen Werk runden seine Zeichnungen und abstrakten Gemälde sein Werk ab, die seit 2008 in Asien entstehen, zuerst in Peking, derzeit in Yogyakarta.

Salvatore Vanasco
ist als Sohn sizilianischer Gastarbeiter in Hessen aufgewachsen. Er studierte visuelle Kommunikation an der Hochschule der bildenden Künste in Hamburg und war viele Jahre hauptamtlicher Professor und Dekan der Merz Akademie Hochschule für Gestaltung, Kunst und Medien, Stuttgart. Als deutscher Internetunternehmer der ersten Stunde ist er Preisträger des Deutschen Medienkunstpreises neben einer Vielzahl anderer Auszeichnungen. Heute ist er Mitgründer und Geschäftsführer der xailabs GmbH.

Michael Connors, Rhizome.org
The Art Happens Here. Rhizome´s measures to preserve internet art

The „Net Art Anthology“, a project by Rhizome, takes on the complex task of identifying, preserving, and presenting 100 exemplary works of internet art, a field characterized by broad participation, diverse practices, promiscuous collaboration, and rapidly shifting formal and aesthetic standards, sketching a possible net art canon. This project was accompanied by a gallery exhibition, „The Art Happens Here,“ which was premiered at the New Museum in NYC in winter 2019, and will undertake a national tour through 2020. In his talk, Michael Connor will discuss both „Net Art Anthology“ and „The Art Happens Here“ as well as previous projects concerned with the long-term preservation of net art, such as ArtBase, Colloq, Webrecorder and Oldweb.today.

Bio: Michael Connor is the Artistic Director of Rhizome, a a not-for-profit arts organization that supports and provides a platform for new media art. He has curated exhibitions and projects for Yarat, Baku, Cornerhouse, Manchester, the Museum of Moving Image, New York, ACMI, Melbourne, Bell Lightbox, Toronto, FACT, Liverpool, MocaTV, and BFI, London. His writing has appeared in ‚You Are Here: Art After the Internet‘ (Cornerhouse), Digital Video Abstraction (UCPress), ArtAsiaPacific, and Artforum.com. Connor has lectured widely on topics relating to art and technology.

Tobias Steinke, Deutsche Bibliothek, Frankfurt/M.
nestor – Kompetenznetzwerk digitale Langzeitarchivierung


Der Vortrag stellt das Kompetenznetzwerks nestor vor, das sich mit der Langzeitarchivierung und Langzeitverfügbarkeit digitaler Ressourcen beschäftigt und an der Deutschen Nationalbibliothek angesiedelt ist. Es geht um seine Ziele, seiner (Arbeits-)Strukturen und seine Hauptaktivitäten. Dabei werden Anknüpfungspunkte für die Bewahrung digitale Medienkunst herausgestellt und mögliche Perspektiven beleuchtet.

Bio: Tobias Steinke ist Informatiker und seit 2003 an der Deutschen Nationalbibliothek als Experte für digitale Langzeitarchivierung und Webarchivierung tätig. Er wirkte in zahlreichen nationalen und internationalen Projekten und Kooperationen in diesen Bereichen mit. Er begleitet nestor seit dessen Gründung und hat in mehreren nestor-Arbeitsgruppen mitgearbeitet.

Robert Sakrowski, freier Kurator, Berlin
Kuratieren, Archivieren und Kontextualisieren von NetzKunstAktivitäten seit 1999

Der Vortrag handelt von den verschiedenen Projekte, bei denen der Referent digitale Phänomene wie Netzkunst oder Webvideo sammelt, kuratiert und ausstellt. Von der netart-database.org bis zu seinem letzten Projekt netart.berlin beschäftigte er sich mit Themen wie dem Ende von Autorenschaft und Originals oder dem Umgang mit den dynamischen Aspekten digitaler Artefakte. Die unüberschaubare Menge von Web 2.0-Plattformen führte zu einer explositionsartigen Zunahme von Daten, dem er mit partizipativen und kollaborativen Arbeitsformen wie netart.database.org und GRIDr.org zu begegnen versucht. Vor zweieinhalb Jahren gründete er panke.gallery, in der er Netzkunst ausstellt und rekonstruiert.

Bio: Robert Sakrowski (geboren 1966 in Ost-Berlin) ist Magister der Kunstgeschichte und arbeitet freiberuflich als Kurator und Künstler in Berlin. Von 1999 – 2003 kuratierte und organisierte er im Rahmen des Projektes netart-datenbank.org Ausstellungen und Vorträge zur Netzkunst. Von 2007 bis 2009 arbeitete er freiberuflich am “Netzpioniere 1.0” Forschungsprojekt am Ludwig Boltzmann Institute Media.Art.Research in Linz. Seit 2007 setzt er sich unter dem Namen CuratingYouTube.net intensiv mit den web.video Phänomenen auseinander und stellt mit gridr.org (2012) ein eigens dafür konzipiertes OnlineTool zur Verfügung. 2014/15 arbeitete er für das transmediale festival 2015 „capture all“ als Kurator. 2016 initiierte er den digitalen offline- art-space router.gallery. Seit Januar 2017 leitet und kuratiert er die panke.gallery in Berlin- Wedding. 2018 gründete er die Initiative Zentrum der Netzkunst (netart.berlin).

Tjarde De Haan, Bits And Bytes United, Amsterdam
FREEZE! The Reconstruction of The Digital City. A Case Study of Webarchaeology

On 15 January 1994 De Digitale Stad (DDS; The Digital City) opened its virtual gates. DDS, the first virtual city worldwide, made the internet freely accessible for the first time to the general public in the Netherlands. In 2001 The Digital City, the website, was taken offline. This talk deals with a case study of web archaeology that was begun to answer questions on how to excavate, reconstruct, preserve and sustainably store born-digital heritage (DDS) and make it accessible to future generations? Currently, our digital heritage, and especially the digital memory of the early web, is at risk of being lost. Or worse – already gone.

Bio: Tjarda is Head of Collections at Atria. She studied history in Amsterdam and Berlin. Afterwards she worked as web director and webmaster for various innovative and new media companies. As a guest curator e-culture and web archaeologist, she has unearthed the Digital City with the team of ‘DDS Re-living’, and wrote the handbook: Do It Yourself Handbook for Webarcheology. Do It Yourself: Plan, count, reconstruct and unlock!

Dr. Josephine Bosma, Autorin und Theoretikerin, XXX
The World in 24 hours

Josephine Bosma researched whether restaging The World in 24 Hours (1982) by Robert Adrian could be an alternative way to preserve the work, offering an experience of the work next to existing documentation. She will discuss the pros and cons of the as yet experimental reinterpretation approach to digital art preservation.

Bio: Josephine Bosma (*1962) is a freelance critic and theorist working in the expanded field of art and new media. Bosma organized several smaller and bigger events around art and the Internet, and lectures and publishes internationally. In 2011 NAi/Institute for Network Cultures published Josephine Bosma’s first book Nettitudes – Let’s Talk Net Art. Bosma regularly acts as juror and advisor, most recently for Rhizome’s Net Art Anthology.

Prof. Florian Jenett, Hochschule Mainz
Die Piecemaker-Software und ihre Anwendung im künstlerischen und wissenschaftlichen Bereich

Die Dokumentation und Vermittlung ephemerer und prozessbasierter Kunstformen wirft vielfältige Fragen auf und stellt die Beteiligten oft vor ungelöste Aufgaben. So auch im zeitgenössischen Tanz. Hier hat dies in den letzten Jahrzehnten zu einigen Projekten und Ansätzen geführt, die auf unterschiedlichen Wegen versuchen sich diesen Aufgaben zu widmen. In der Forsythe Company Frankfurt wurde zum Zwecke der internen Dokumentation seit ca. 2008 ein System names „Piecemaker“ entwickelt und eingesetzt. Es erlaubt die bereits etablierte Praxis der Video-Dokumentation durch zeitlich verortete Notizen (Annotationen) zu erweitern. Das eher hermetische Video-Archiv wurde damit durchsuchbar und konnte direkt zur Weitergabe und in der Studioarbeit eingesetzt werden. Seit 2011 wird Piecemaker durch das Motion Bank Projekt der Forsythe Company, das heute an der Hochschule Mainz beheimatet ist, weiter entwickelt. Es wird in unterschiedlichsten Anwendungsszenarien im zeitgenössischen Tanz eingesetzt und hat darüber hinaus auch Anwender aus anderen künstlerischen und wissenschaftlichen Bereichen gefunden. Dieser Talk wird kurz den aktuellen Stand der Forschung mit Piecemaker und natürlich die Software selber vorstellen.

Bio: Florian Jenett hat an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach am Main Visuelle Kommunikation studiert. Als Student von Heiner Blum, Alex Oppermann und David Linderman hat er einen Schwerpunkt in digitalen Medien und freier Kunst gelegt. Ab 2007 hat er als als freischaffender Künstler gearbeitet, die „basis Frankfurt Produktions- und Ausstellungs-Plattform“ mitgegründet, ist im „NODE Verein zur Förderung digitaler Kultur“ tätig und hat das Motion Bank Projekt mit aufgebaut. Seit 2014 leitet er Motion Bank zusammen mit Prof. Dr. Scott deLahunta (Coventry University) und hat dieses 2016 mit dem Ruf zum Professor für Medieninformatik im Kommunikationsdesign mit an die Hochschule Mainz gebracht.

Yvonne Zindel, Universität der Künste Berlin
What if. Zum Potential von Games für das digitale Archivieren

Der Vortrag „What if. Zum Potential von Games für das digitale Archivieren.“ beleuchtet neue Spielformate wie etwa die „Discovery Tour: Das antike Griechenland“ des Adventuregames „Assassins Creed“ , bei dem Spieler*innen auch 3-D- Scans von Artefakten aus bekannten archäologischen Sammlungen begegnen. Ich stelle einige solcher Beispiele aus der Praxis vor und frage mich: Wie könnten derartige Kooperationen in Zukunft ein innovatives, multiperspektivisches Forschen an Sammlungen und Archiven voranbringen?

Abstract


Bio: Yvonne Zindel forscht und publiziert zu Techniken des Digitalen und konzipierte u.a. die Bildungsarbeit im Humboldt Forum. Als Stipendiatin der nGbK Berlin setzte sie mit dem Onlinespiel Infinitechat.net ein digitales Kunstvermittlungsprojekt um. Seit 2018 ist sie künstlerische Mitarbeiterin an der Universität der Künste zu Berlin und war im selben Jahr Stipendiatin der Akademie Schloss Solitude. Sie kuratiert die Reihe „(Dis)abled Technobodies“ an der Volksbühne Berlin und die Salonreihe Performing Encounters sowie die Pecha Kucha Art Night.

Tina Sauerländer, freie Kuratorin und Autorin, Berlin
Radiance. Ein Recherche-Portal zu Virtual Reality-Kunst

Tina Sauerländer stellt ihr Projekt Radiance vor, das sie mitbegründet hat. Radiance ist eine Forschungsplattform und Datenbank für Virtual-Reality-Kunst. Sie präsentiert internationale Künstler, die mit VR arbeiten, um ihre Arbeit bekannter und zugänglicher zu machen und die Etablierung virtueller Technologien in der Kunstwelt zu beschleunigen. Die Plattform arbeitet eng mit Künstlern, Institutionen und unabhängigen Kuratoren zusammen, um qualitativ hochstehende, virtuellen Kunst für öffentliche institutionelle Ausstellungen auszuwählen.

Bio: Tina Sauerländer ist Kunsthistorikerin, Kuratorin und Autorin mit Sitz in Berlin. Seit 10 Jahren arbeitet sie mit ihrer Ausstellungsplattform peer to space als internationale Kuratorin für digitale Kunst. In ihren Ausstellungen konzentriert sie sich auf die Auswirkungen von Digital und Internet auf die persönliche Umgebung und Gesellschaft. Sie ist Mitbegründerin von RadianceVR.co, einer Online-Forschungsplattform für künstlerische Virtual Reality-Erfahrungen, und Mitbegründerin von MiRAA.org, einer Online-Bildungsplattform für VR und AR in der Kunst. Sie ist Gründerin des SALOON, einem internationalen Netzwerk für kunstschaffende Frauen in Berlin, Brüssel, Dresden, Hamburg, London, Paris und Wien. Sie hat einen MA in Kunstgeschichte von der Ludwig-Maximilians-Universität in München und promoviert derzeit an der Kunstuniversität Linz (Österreich), Abteilung Interfacekulturen, über künstlerische Selbstdarstellung im digitalen Zeitalter.

Dr. Alexander Zeisberg, Leiter der Mediensammlung des documenta Archivs, Kassel
Viel zu wenig, viel zu spät


Große Internetunternehmen wie z.B. Google haben parallel zu öffentlich-rechtlichen Angeboten viel genutzte, kostenfreie Kulturangebote geschaffen. Die Initiativen dazu stammen überwiegend aus einer Phase, in denen idealisierte Vorstellungen von Informationsfreiheit bzw. Informations-zugang und Startup-Kultur eine große Bedeutung für diese Unternehmen hatten. Ökonomisches Handeln ist nie nur rein rational, von entscheidender Bedeutung sind auch Werte und innere Antriebsfaktoren. Eine vergleichbare Begeisterung für die Digitalisierung ließ der öffentlich geförderte Kulturbereich anfänglich deutlich vermissen, mit der Ausnahme von groß angelegten Projekten aus dem Bibliotheksbereich. Geringes Kapital, starre, komplizierte Strukturen und Förderszenarien oder unzureichende Gesetze und Regelungen können jedoch nicht allein erklären, warum speziell in Deutschland, hinsichtlich der Digitalisierung überwiegend zaghaft agiert wurde, obgleich der durchschlagende Erfolg der heutigen Netzgiganten eigentlich bereits absehbar war. Gleichzeitig hat sich diese Entwicklung in Europa nicht einheitlich vollzogen, wie eine Reihe von Beispielen zeigt, in denen Internet- und Kommunikationstechnologien, häufig in Verbindung mit dem Commons-Gedanken, innovative Projekte im Kultursektor hervorgebracht haben.

Bio: Alexander Zeisberg ist seit 2017 Leiter der Mediensammlungen des documenta Archivs. In dieser Position ist er für eine umfangreiche Fotosammlung und diverse audiovisuelle Mediein einer Vielzahl von analogen und digitalen Formaten verantwortlich. Er entwickelt und leitet alle Digitalisierungsprojekte. Der Schwerpunkt seiner wissenschaftlichen Arbeit und Forschung als Archivar und Informationsspezialist liegt in dem Bereich der Entstehung und Entwicklung von Metadaten, die durch verschiedene Formen der Transformation und aufgrund historischer, technischer, politischer und ethischer Einflüsse und Diskurse entstehen. In der letzten Zeit
Jahren hat sich seine Forschung azf die Entstehung und Wirkung von „schlechten“ und „verschmutzen“ Daten konzentriert sowie auf Methoden und Werkzeuge für die Datenreinigung.


Alexander Zeisberg studierte Archivwissenschaft und erwarb einen Master-Abschluss in Informationswissenschaften an der Fachhochschule Potsdam. Er arbeitete als ein Archivar und Informationsspezialist für mehrere Künstler- und Museumsarchive, u. a. die Stiftung Preussischer Kulturbesitz, das Zentralarchiv der Staatlichen Museen Berlin und die Berlinische Galerie. Als Projektmanager für die Konferenz Nationaler Kultureinrichtungen (KNK) leitete er auch eine Zusammenarbeit mit dem Google Cultural Institute. Knapp zehn Jahre war er Projektpartner und Datenspezialist für das transnationale Projekt „German Sales I & II“ des Getty Research Institute in Los Angeles.

Die Moderatoren

Prof. Dr. Tilman Baumgärtel, Hochschule Mainz

Bio: Tilman Baumgärtel lehrt Medientheorie an der Hochschule Mainz. Er hat von 2005 bis 2009 am Film Institute der University of the Philippines in Manila und von 2009 bis 2012 am Department of Media and Communication an der Royal University of Phnom Penh Medienwissenschaft und Journalismus unterrichtet. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten gehören Netzkultur und -kunst, Alltagsmedien und alternative Kinoformen. Er lebt in Berlin.


PD Dr. Christoph Ernst, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

Bio: Christoph Ernst, PD Dr., ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Rahmen des DFG-Projektes »Van Gogh TV. Erschließung, Multimedia-Dokumentation und Analyse ihres Nachlasses« (Prof. Dr. Jens Schröter) in der Abteilung Medienwissenschaft der Universität Bonn. Forschungsschwerpunkte in den Bereichen Diagrammatik und Medienästhetik der Informationsvisualisierung, Theorien des impliziten Wissens und digitale Medien, insbesondere Interfacetheorie, Medientheorie und Medienphilosophie, insbesondere hinsichtlich Imagination neuer Technologien; Ästhetik & Theorie audiovisueller Medien (Film & Fernsehen). Letzte Veröffentlichung: Diagrammatik – Ein interdisziplinärer Reader, hrsg. mit Birgit Schneider und Jan Wöpking, Berlin: De Gruyter 2016, Medien und implizites Wissen, hrsg. mit Jens Schröter, Siegen: Universitätsverlag 2017, Diagramme zwischen Metapher und Explikation – Studien zur Medien- und Filmästhetik der Diagrammatik, Bielefeld: transcript 2020 (in Vorbereitung). Weiteres: www.christoph-ernst.com


Julian Weinert, M.A., Hochschule Mainz

Bio: Julian Weinert wurde 1989 in Neunkirchen (Saar) geboren. Im Jahr 2014 erlangte er einen Bachelor of Arts in Medienwissenschaft und Germanistik an der Universität Trier. Hier realisierte er bereits diverse Film- und Medienprojekte. Im Anschluss absolvierte er ein Master-Studium der „Zeitbasierten Medien“ mit dem Schwerpunkt Film an der Hochschule Mainz. Derzeit ist er als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Institut für Mediengestaltung und Lehrbeauftragter im Studiengang „Zeitbasierte Medien“ an der Hochschule Mainz tätig. Daneben promoviert er als externer Doktorand im Fach Medienwissenschaft an der Philipps-Universität Marburg und ist feriberuflich als Filmschaffender aktiv. Weiteres: www.julian-weinert.net