Interview mit Kathrin Brinkmann, 07.05.2018

Interviewer: Ja, dann können wir doch gleich mal damit anfangen, dass du dich einmal vorstellst bitte.

 

Kathrin Brinkmann: Ja, mein Name ist Kathrin Brinkmann, ich bin Redakteurin im ZDF für ARTE-Dokumentarfilme. In der Zeit mit Piazza Virtuale war ich noch nicht sozusagen fest im ZDF, sondern ich war sozusagen freie Mitarbeiterin von 3sat für dieses Fernsehprojekt.

 

Interviewer: Genau, das führt uns auch gleich zur ersten Frage. Du hast also, der Wolfgang Bergmann hat gesagt, du seiest Trainee gewesen. Vielleicht könntest du dann den Status erst mal ein bisschen klären.

 

Kathrin Brinkmann: Das hat er zum Beispiel zeitlich schon verwechselt eigentlich. Ich habe tatsächlich in der Zeit, als ich freie Mitarbeiterin war bei Piazza Virtuale, habe ich mich beworben für ein Volontariat beim ZDF, was dann auch geklappt hat und im Anschluss mehr oder weniger auch angefangen hat. Aber in der Zeit war ich eigentlich sozusagen mit dem Studium fertig seit zwei Jahren und habe sozusagen unterschiedliche Jobs gemacht und war unter anderem in der Theaterredaktion von 3sat, die Wolfgang Bergmann geleitet hat, sozusagen mehrere Monate tätig als freie Mitarbeiterin. Und als das Projekt aufkam hat er mich gefragt, ob ich vor Ort sozusagen die Betreuung übernehmen würde.

 

Interviewer: Und war da auch schon klar, was diese Betreuung umfassen würde, was dazugehören würde?

 

Kathrin Brinkmann: Ja. Also was ich wusste, als ich anfing, oder als das Angebot kam, war, dass ich sozusagen bei allen Sendungen dabei sein soll und dass meine Aufgabe sei, auch immer zu gucken, dass die Verbindung hergestellt wird. Die wurde ja jeden Tag sozusagen für die Sendung immer wieder neu geschaltet. Und meine Aufgabe war auch, den Programmablauf zu faxen vorab und während der Sendung da zu sein und im Grunde aufzupassen, also so eine Form des Zensors, der Zensorin wahrzunehmen.

 

Interviewer: Also es war von Anfang an so ausgemacht, dass es vom Sender aus jemanden geben würde, der da aufpasst?

 

Kathrin Brinkmann: Ja, musste, also das war klar, genau. Weil die Sendung sozusagen live stattfand, das war ja auch klar. Nicht aufgezeichnet, also in dem Sinne konnte sie ja auch dann nicht irgendwie geschnitten werden oder irgendetwas, bearbeitet werden, und deswegen war klar, dass jemand vor Ort da sein muss. Für die organisatorischen Abläufe genauso wie während der Sendung, so zu gucken, dass das irgendwie gut läuft. Und weil es ja auch ein Experiment war und niemand genau wusste, was da so passieren wird, umso mehr.

 

Interviewer: Bevor wir darauf zurückkommen, was da genau hätte passieren können oder passiert ist, vielleicht noch mal einen Schritt zurück. Du hast ja gesagt, du hast Theater studiert und Minus Delta T, die Vorgängergruppe von Van Gogh TV, war ja in Performance-Kunstkreisen auch irgendwie bekannt. Wusstest du irgendwas von denen? Kanntest du die vorher schon?

 

Kathrin Brinkmann: Ehrlich gesagt, nein. Also die waren als Performancegruppe zwar bekannt, aber die kamen schon sehr, sehr stark aus der Bildenden Kunst eigentlich, also waren sozusagen so, zumindest in dem Kontext, mit dem ich so zu tun hatte, weniger bekannt.

 

Interviewer: Wo hast du studiert?

 

Kathrin Brinkmann: Angewandte Theaterwissenschaften in Gießen. Und das war eben die Zeit, also wo Performance schon immer mehr eine große Rolle spielte, also damals in der Zeit ganz viel ins TAT gegangen, wo also von Wooster Group bis Heiner Goebbels mit seinen ersten Stücken aufgetreten ist und so. Das war so der Kontext, ne? René Pollesch anfing, Sachen zu machen und so.

 

Interviewer: Minus Delta T haben ja auch einige legendäre Auftritte in Frankfurt absolviert, aber das ist alles komplett an dir vorbeigegangen?

 

Kathrin Brinkmann: Nein, das war auch vor meiner Zeit. Die sind ja auch alle ein bisschen älter und haben also in den Siebzigern eigentlich angefangen und das war jetzt, wo ich sozusagen angefangen, so Mitte der Achtziger mich eigentlich so damit zu beschäftigen.

 

Interviewer: Also du hattest sozusagen gar keine Vorerwartungen, auf was du dich da einlassen würdest? Oder was hast du gedacht, was da so dir bevorsteht?

 

Kathrin Brinkmann: Also ganz ehrlich, wie gesagt, für mich war das ein super Job für drei Monate. Es war auch klar mit so einem festen Gehalt, was auch okay war. Damals habe ich in Berlin gewohnt und nein, ich wusste wirklich gar nichts. Ich wusste nur, dass ich eben wirklich die ganze Zeit da sein musste. Fand das aber auch interessant, weil es auch im Kontext der Documenta eben stattfand.

 

Interviewer: Jetzt mal ganz praktisch vor Ort in Kassel, wo hast du da gewohnt, wie waren so die äußeren Lebensumstände?

 

Kathrin Brinkmann: Also ich habe mir selber nur ein Zimmer in einer WG gesucht, auch über Bekannte, Freunde eins gefunden. Die Gruppe selber hatten ja so Häuser angemietet, etwas außerhalb von Kassel, wo die alle zusammengewohnt haben, aber ich habe da nicht mit gewohnt.

 

Interviewer: Weil du das nicht wolltest oder weil das nicht vorgesehen war?

 

Kathrin Brinkmann: Weil das erst mal überhaupt kein Angebot war. Also ich habe auch vorher an keinem Vorgespräch teilgenommen. Ich bin wirklich dann hingefahren zum… sozusagen einen Tag vorher, bevor es losging. Da waren dann auch, also, wenn ich es richtig erinnere, waren dann auch am Anfang Wolfgang und Marita Hübinger anwesend, also wir haben zusammen sozusagen mit der Gruppe dort gesprochen, aber ich bin da sozusagen wirklich so reingefallen, ne?

 

Interviewer: Und was war dein erster Eindruck, als du die Menschen, mit denen du das nächste Vierteljahr (lachend) teilen würdest, irgendwie kennengelernt hast?

 

Kathrin Brinkmann: Na ja, das war so eine Gruppe von echt nur Männern eigentlich. Es war ja wie so ein kleines Container-City, was sie da aufgebaut hinter dem Fridericianum. Oben waren die, im Grunde, also das Lab, ja? Jeder hatte da seinen Computer stehen, also eine Gruppe von 25 Leuten oder so. Und dann gab es vorne, direkt, wenn man reinkam, sozusagen das Studio, in Anführungszeichen, was aber offen war, also es war sozusagen nicht abgetrennt. Und da war sozusagen dieser Hauptcomputer, über den auch die Verbindung nach Mainz hergestellt wurde, und dann mehrere Monitore. Und wir saßen da immer zu dritt, also es gab immer einen der Leiter von Van Gogh TV. Das war entweder Karel, Benjamin oder Salvatore. Plus ich, plus einen der Techniker, der die Sendung gefahren hat. Und wir saßen dann zu dritt sozusagen in diesem Studio oben und unten waren dann noch mal so zwei, drei Büroräume eigentlich. Und dann, Lavazza war ja Sponsor, gab es dann irgendwie so dieses kleine Café-Zelt mit sehr gutem Kaffee. Genau. Und das war sozusagen auch so ein ganz bisschen … Man kann jetzt nicht sagen, dass es eine schöne Piazza war, aber es war eine Piazza. Also es gab sozusagen vor dem Haus und zwischen diesem Coffee-Shop und den Containern gab es so einen Platz, wo wir uns auch oft im Sommer hingesetzt haben, um Sachen vor zu besprechen und so. Und eigentlich war es so, dass die alle immer irgendwie da waren. Also es wurde tagsüber auch immer gearbeitet, an der Technik, an den Programmen und so weiter. Morgens von elf bis eins war ja die Sendung und am Wochenende nachts und eigentlich waren die immer alle da. Und es war ein großes Technozentrum, so vom Eindruck her, und eine ganze Menge Jungs, die da rumhingen, so. Das war mein Eindruck.

 

Interviewer: Aber waren die dir sympathisch, oder?

 

Kathrin Brinkmann: Doch, die waren mir schon sympathisch. Also ein paar von denen waren auch so ganz klar so Nerds. Also ich hatte mit dieser Technik-, Computerwelt auch zu der Zeit irgendwie wenig zu tun. Ich hatte meine Diplomarbeit auf einem Atari geschrieben und das war es, ja? Also das war mein Kontakt zu dieser Welt eigentlich, ne? Und von daher war es auch interessant irgendwo zu sehen. Nein, die waren mir sympathisch, die waren mir sehr wohl sympathisch. Es gab auch eine Menge Auseinandersetzungen mit der Zeit. Es gab auch ein starkes Gefälle, was ich nicht, wenn ich offen spreche, nicht so ganz toll war, weil ich fand, es gab auch schon durchaus ein autoritäres Verhältnis der Leitung zum Team. Aber die hatten auch irgendwie gleichzeitig alle ein sehr gutes Verhältnis. Aber da wurde auch rumgeschrien, da wurde auch zurechtgewiesen. Da wurden auch oft ganz klar die Positionen benannt, wer jetzt hier in welcher Rangordnung irgendwie arbeitet, ja?

 

Interviewer: Vielleicht noch eine Frage zur Vorbereitung oder zur Vorgeschichte. Das ging ja auch darum, halt das Medium Fernsehen für das Publikum zu öffnen und so einen interaktiven Austausch möglich zu machen. Der Produzent wird zum Konsument, umgekehrt, der Konsument wird zum Produzenten. Hattest du mit diesem Gedankengut irgendwie vorher was zu tun gehabt? Hat dir das eingeleuchtet, ist es dir auch erklärt worden?

 

Kathrin Brinkmann: Ja. Klar. Ich meine, damit habe ich mich natürlich auch ein bisschen beschäftigt und es ist ja auch nicht so, dass es die erste Sendung auf 3sat war. Die hatten ja davor noch so zwei, drei Sachen auch probiert. Also eins war das University TV, das, glaube ich, aber nicht bei 3sat gesendet wurde, aber es gab ein anderes Projekt, das ein …

 

Interviewer: Das Hotel Pompino.

 

Kathrin Brinkmann: Hotel Pompino, genau. Das war ja auch der Kontakt übrigens, über den das Projekt überhaupt zum ersten Mal zu 3sat kam und es war ja schon so, dass Wolfgang Bergmann sich auch sehr engagiert hat für diesen Versuch, ne? Und in dem Zusammenhang habe ich mich natürlich so ein bisschen damit auch noch mal beschäftigt. Also ich kannte dann eher noch so Projekte so wie Paper Tiger in New York oder so. Das waren so Sachen, die ich irgendwie mitbekommen hatte. Aber mit dieser wirklich interaktiven Form von Fernsehen eigentlich wenig.

 

Interviewer: Ja, da gab es ja zu der Zeit auch nicht so viel, aber es gab …

 

Kathrin Brinkmann: Genau. Deswegen. Also ich habe mich so ein bisschen damit dann im Vorfeld beschäftigt. Ich kannte dann eher so noch so Brechts Radiotheorie. Also klar, das war so ein Bezugspunkt für mich als Theaterwissenschaftlerin und ich fand das sozusagen theoretisch schon extrem interessant. Also von daher, ich war da irgendwie auch sehr neugierig eigentlich, das auch mit zu… Habe das schon als so eine Möglichkeit gesehen, da auch so ein bisschen mehr einzusteigen in diese Fragen von interaktivem Fernsehen. Und die war natürlich, also das hast du ja dann auch gesehen an dem ganzen Pressematerial, haben das sozusagen in gewisser Weise… Also sie hatten ja auch übrigens den Ludwig Seyfarth – weiß nicht, ob du den schon interviewt hast – also im Grunde jemand, der auch so ein bisschen theoriemäßig das begleiten sollte und pressemäßig. Also die Theorie hat die natürlich doch auch sehr interessiert an der Form der Interaktivität. Und auch, was sich dann vielleicht nicht ganz so eingelöst hat, so als so eine Art von Skulptur, also aus der Kunst kommend jetzt. War so ein zweiter Gedanke, der für die eigentlich interessant war.

 

Interviewer: Wie hätte sich das denn mit der Skulptur einlösen sollen oder können?

 

Kathrin Brinkmann: Also ich glaube, die haben vielleicht etwas naiv und gleichzeitig auch zu recht und auch irgendwie sozusagen visionär gedacht, dass das sozusagen viel mehr zu so einer Art sozialen Skulptur werden könnte im Sinne von Beuys, aber dann eben ins Medium hineingedacht. Also was die Bereitschaft auch von so einem Publikum angeht, sich zu beteiligen und eigene Formen der Kommunikation zu entwickeln und der sozialen, ja, Kommunikation und Arbeit, ne? Und darüber kann man, glaube ich, gut sprechen, ob sich das so eingelöst hat und warum es vielleicht nicht so war oder wo vielleicht da auch die Schwierigkeiten lagen insgesamt.

 

Interviewer: Da kommen wir gleich nochmal darauf zurück. Aber jetzt nochmal konkret zu den ersten Arbeitstagen da. Hattest du vorher so eine Vorstellung, wie die Arbeit aussehen würde? Also konkret, wie viele Stunden, welche Tätigkeiten genau, oder was du besser (unv., gleichzeitig gesprochen)

 

Kathrin Brinkmann: Doch. Also ich wusste, dass ich sozusagen immer zwischen zehn und eins auf jeden Fall da bin. Also die Sendung fing ja um elf Uhr an. Ich war meistens um zehn Uhr da, ab halb elf sozusagen wurde das… die Leitung hergestellt, es wurde sozusagen jedes Mal wieder neu gemacht. Dafür musste man auch bestimmte Zeit einrechnen. Da gab es auch manchmal Komplikationen. Und dann haben wir eigentlich am Tag vorher immer schon das Programm festgelegt. Also es gab ja diese Module von… Weiß gar nicht, wie viele Programme es insgesamt waren. Also sicherlich 15 bis 20 oder so. Und da wurde halt immer am Tag vorher überlegt, was programmiert wird und in dem Sinne auch vorbereitet von den Technikern, dass das sozusagen dann auch da war. Und an dem Programm selber wurde ja in der Zeit auch immer wieder weitergearbeitet. Also die wurden immer verbessert, verändert und so weiter und so fort. Es gab immer Bugs und so. Also auch darüber wurde eigentlich viel gesprochen. Sodass sozusagen wir immer am Tag vorher die Reihenfolge, das Programm vorgelegt haben. Ich war immer sozusagen ja Dreiviertelstunde, halbe Stunde vorher dort und saß während der ganzen Sendung eben in der Sendung drin. Und wir haben meistens dann – es war jetzt nicht so unglaublich klar schematisiert – aber meistens dann auch irgendwie immer nochmal nachgesprochen, was so war.

 

Interviewer: Okay. Das war die erste Schicht sozusagen und dann war es aber auch viel Nachtarbeit, ne?

 

Kathrin Brinkmann: Genau. Am Wochenende war es immer Nachtarbeit und es war wirklich lange. Also so von ein Uhr, zwei Uhr nachts bis sechs Uhr morgens. Manchmal ging es auch um zwölf Uhr schon los. Und das war dann schon zum Teil hart, weil dann auch die nächsten Morgen trotzdem immer stattfanden, von elf bis eins. Aber gleichzeitig war das interessant, diese Nachtstrecke, war eigentlich die interessanteste Strecke immer. Und da wurden sich dann auch nochmal andere Sachen überlegt. Und da wurde auch mehr noch, ja experimentiert im Sinne, was sozusagen die Gesprächsformen auch angingen.

 

Interviewer: Denn es gab ja am Anfang offenbar dieses Dogma gar nicht…

 

Kathrin Brinkmann: Ja.

 

Interviewer: …zu intervenieren von Anbieterseite aus. Und als da dann nichts, also es…

 

Kathrin Brinkmann: Passierte.

 

Interviewer: Wie ist das Wort? Egal, also es ist nichts passiert. Genau. (lacht). Und dann musste das ja doch irgendwie motivierend eingegriffen werden, aber was war das Interessante? Also wenn du sagst, die Nacht (zum Beispiel war?) besonders interessant, was war das Interessante?

 

Kathrin Brinkmann: Also tagsüber war es ja auch so, dass, also ich das kann ich dir zum Beispiel nicht mehr sagen, aber es wurde schon gemessen, wie viele Leute sich eingeschaltet haben oder versucht haben sich einzuschalten. Und das war tagsüber tendenziell mehr, also mehr Leute, als das nachts der Fall war. Und dann nachts war das auch so, wenn ich es richtig erinnere, tagsüber gab es irgendwann so eine Art Timeout, also wie viel Zeit Leute hatten, wenn sie aufgeschaltet wurden, zu sprechen. Und die Zeit, die ein Programm lief, wie Coffee House oder so, lief dann auch zwanzig Minuten vielleicht. Und dementsprechend glaube ich, waren es auch so höchstens fünf Minuten, die Leute dann sozusagen online sein konnten. Nachts war das anders, da lief das Coffee House auch manchmal eine Stunde oder so. Meiner Erinnerung nach zumindest. Und dann gab es auch kein Timeout oder weniger Timeout und es waren weniger Leute sozusagen online. Und dementsprechend entwickelten sich andere Gespräche und auch die Aktivität der Moderatoren war eine andere. Und es gab diese Sachen – das habe ich vorhin nochmal kurz gesehen – dass so Leute auch eingeladen wurden als Gäste. Also Blixa Bargeld war zum Beispiel mal eine Nacht dabei oder so. Oder eine Stunde oder so, ne? Kam dann eh vorbei bei der Documenta und… ne? Dann war das irgendwie also eine andere Form sozusagen der Programmarbeit nochmal oder ein performativerer Zugang vielleicht sogar auch, ne?

 

Interviewer: Fragt sich natürlich, was das für Leute sind, die um vier nachts beim Fernsehen anrufen.

 

Kathrin Brinkmann: Genau. Fragt sich.

 

Interviewer: Haben das, also wohin hat das geführt oder kannst du dich an irgendwelche besonders (unv., Sprecherüberlappung) Situationen erinnern…

 

Kathrin Brinkmann: Also tendenziell vor allen Dingen sehr viele Männer, weniger Frauen. Tendenziell auch viele technikaffine Leute, die das Programm auch technisch total interessant fanden. Leute, die einsam waren und irgendwie nichts zu tun hatten und das irgendwie dann genutzt haben, ne?

 

Interviewer: Also da gab es auch so eine Domian-artige Dynamik.

 

Kathrin Brinkmann: Ja, wobei das nicht so sehr ins Psychologische reinging, ne? Also weder unbedingt, glaube ich, weder jetzt von Van Gogh TV gewünscht, noch jetzt irgendwie von den Teilnehmern. Also es gab das Bedürfnis nach Kommunikation, aber nicht unbedingt tief jetzt in die eigenen psychologischen Probleme oder irgendwie sowas einzutauchen.

 

Interviewer: Aber kannst du dich sonst an irgendwelche Anrufe erinnern? Also jetzt konkret, nicht so die Art von Anruf, sondern konkrete Anrufer?

 

Kathrin Brinkmann: Konkret meinst du jetzt irgendwelche Gespräche, die mir im Gedächtnis geblieben wären? (…) Also das ging dann irgendwie alles in so ein… Also in meiner Erinnerung ist das alles auch sehr schwammig irgendwie. Ich weiß, das, also ein Thema, das hat dann wiederum eher was mit dem Medium zu tun. Also ich glaube, das Medium an und für sich stand auch oft im Thema, war also oft Thema der Auseinandersetzung und auch gerne übrigens die Zensur, ja? Also darüber wurde auch viel und gerne viel geredet. Deswegen glaube ich, kommt sowas zustande, dass Karel dann sagt, dass die Teilnehmer selber zensiert hätten. Das war ein Spiel damit, wie weit man da irgendwie gehen kann oder es war auch eine Form des Spiels, selber zensieren zu wollen oder zu gucken: „Kann man jetzt den anderen irgendwie aus der Leitung schmeißen?“ Oder es kann schon sein, dass Karel mal so was gesagt hat: „Du warst jetzt auch mal zensieren und sage doch mal, wer aus der Leitung geschmissen wurde“ und er hat es stellvertretend dann getan oder so. Solche Dinge ganz bestimmt, ne? Also im Ganzen waren das recht oberflächliche Gespräche, die nicht irgendwie tiefer gehen. Also und die Angebote, das war dann schon noch interessant. Das habe ich auch nochmal so gesehen bei meinen Notizen irgendwie dazu. Es gab ja diese eigentlich sehr interessanten Angebote. Also das war ja eigentlich nochmal eine zusätzliche Form, die ich eigentlich spannend fand, dieser Piazzettas, also sozusagen dieser Neben-Piazzas, klein in verschiedenen Ländern, wo ja dann wiederum eigentlich Künstlergruppen beauftragt wurden, ein eigenes Programm zu entwickeln. Und die haben ja dann oft auch sich selbst live gefilmt bei Aktionen, die sie gemacht haben. Oder sie haben sie mit Leuten vor Ort Kontakt aufgenommen und das sozusagen in ein dieses Fenster des Coffee Houses reingebracht. Und damit auch Angebote wiederum gemacht an die Leute, die online waren jetzt gerade im Coffee House sozusagen, live geschaltet auf der Documenta. Und das hat aber selten geklappt, dass da jetzt irgendwie eine Kommunikation zustande kam. Weil die Leute, die online waren, muss man sich natürlich auch so vorstellen, die haben oft dann trotzdem lange gebraucht, um online zu sein. Und kamen nicht unbedingt online, weil sie jetzt diesen Piazzetta-Beitrag so toll fanden, sondern einfach, weil sie genau dann durchgeschaltet wurden und wollten ihre Zeit anders nutzen, als jetzt darauf zu reagieren. So, das waren so die sozusagen die Missverständnisse auch des Zusammenschaltens, die entstanden sind, ne?

 

Interviewer: Was die Piazzettas betrifft, wer ist dir da so in Erinnerung? Hattest du da irgendwelche Favoriten gehabt oder welche, die besonders schlecht waren?

 

Kathrin Brinkmann: Ich mochte die aus Bremen ganz gerne, das weiß ich noch, weil die irgendwie so ganz interessant waren. Und dann fand ich die natürlich im Ausland alle interessant. Also Riga zum Beispiel, kann ich mich dran erinnern. Und Mike Hentz war ja der, der immer herumgefahren ist und diese Piazzettas besucht hat und mit denen vor Ort irgendwie auch überlegt hat, was man so machen kann, ne? Riga habe ich als recht politisch in Erinnerung, dass die so auch viel so über die Situation vor Ort dort sprachen, über die Rolle der Kunst auch und was sie so als Künstlergruppe da machen. Ja.

 

Interviewer: Frauen und Technik?

 

Kathrin Brinkmann: Mhm (fragend)?

 

Interviewer: Frauen und Technik?

 

Kathrin Brinkmann: Frauen und Technik? Also es gab ja eine Frau in dem Team, die als Technikerin da mitgearbeitet hat. Die war auch sehr, sehr nett und die hat auch versucht so dieses Thema so ein bisschen mehr in die Gruppe reinzubringen. Aber Frauen und Technik, das Thema kann ich mich null daran erinnern, dass das…

 

Interviewer: Es gab die Hamburger Piazzetta (unv., gleichzeitig gesprochen).

 

Kathrin Brinkmann: Ach so. Doch die, ja die waren super noch. Die waren noch super. Ja, die fand ich klasse.

 

Interviewer: Haben sie das in Erinnerung?

 

Kathrin Brinkmann: Ja, die habe ich. Aber habe ich da konkret noch was in Erinnerung? Ja, die haben das thematisiert, das weiß ich wohl auch. Also mit auch Aktionen.

 

Interviewer: Bitte nochmal im ganzen Satz. Die Hamburger haben das thematisiert (lacht). (unv) mal später (unv.)

 

Kathrin Brinkmann: Ja. Ja. Ja. Alles gut. Guckt mal, das habe ich jetzt zum Beispiel gar nicht mehr so präsent gehabt, aber die gab es natürlich, „Frauen und Technik“, die Gruppe. Die war auch, meine ich, geleitet von einer Frau, die die Freundin, glaube ich, vom Karel war, die dort vor Ort mit einer Gruppe von Frauen gearbeitet hat. Aber an konkrete Aktionen, echt, ehrlich, nicht mehr so präsent.

 

Interviewer: Aber um dieses Frauenthema noch abzuschließen, du hast ja gesagt, es hat da ganz wenig Frauen gegeben, hast du da irgendwelche komischen Situationen in Erinnerung oder hast du das Gefühl, dass du da manchmal irgendwie nicht adäquat behandelt worden bist, oder?

 

Kathrin Brinkmann: Nein, ich glaube, so im Ganzen haben die sich und ich mir auch Mühe gegeben uns da irgendwie gut zu verständigen. Aber dadurch, dass es natürlich so eine ganz große Männergruppe war, haben die schon zum Teil so einen ziemlich rohen Umgang miteinander gehabt. Aus Frauenperspektive jetzt gesagt. Es gab eine Frau, ach nein, es gab diverse Assistentinnen. Dann gab es, das habe ich auch vergessen, das war diese Kathy, die ja auch extra gekommen war, die sich ja ganz viel auch mit solchen Formen von interaktiver Kunst beschäftigt hatte in den USA. Die hatte aber irgendwie so ganz aktiv jetzt auch nicht so eine ganz große Rolle, fand ich, also so live erlebt. Sie wurde sehr ernst genommen, indem dass sie auch sozusagen Erfahrung mitgebracht hat, aber so richtig…

 

Interviewer: Hat das nicht auch damit zu tun, dass ihre Aufgabe auch genau diese Koordination von den Piazzettas und das Rumreisen mit Mike Hentz waren?

 

Kathrin Brinkmann: Genau. Wobei sie ja nicht so viel rumgereist ist wie Mike Hentz meine ich, aber das stimmt. Da gab es noch im Büro eine Koordinatorin von Ponton, die war auch sehr nett, mit der habe ich mich auch supergut verstanden. Und dann gab es noch eine Assistentin von Benjamin, meine ich, oder von den Dreien zusammen. Das war auch eine Frau. Und also wie gesagt, es war so manchmal so ein bisschen roher Umgangston. Und es gab schon eine klare Hierarchie dieser vier Männer als Leitung und dann des Teams, der Techniker, wo man auch sagen muss, die waren alle jünger, die hatten auch alle nicht so viel Erfahrung. Und in dem Team der Leitung, war es ja auch nochmal unterschiedlich. Also Benjamin war jemand, der sich mit der Technik sehr gut auskannte, also mit denen auf sozusagen so einem Level auch reden konnte, während… Salvatore irgendwie auch noch, aber Karel eigentlich gar nicht. Also Karel kam ganz klar aus einer anderen Ecke von Kunst, ja? Der hatte jetzt sozusagen mit dieser Technik, hat er da natürlich schon noch mit zu tun, aber war jetzt nicht unbedingt so stark drin in diesen ganzen Problemen wie die anderen eigentlich. Und hat aber ganz andere Qualitäten gehabt, nämlich die sozusagen von einer… Also ganz persönlich, mir hat das sozusagen mit Karel auch immer sehr viel Spaß gemacht, diese Nächte da durchzumachen, weil er extrem unterhaltsam ist. Also das ist halt einfach ein guter Performer. Und das hat er dann auch sozusagen selber dann auch mehr und mehr irgendwie so übernommen mit der Zeit, wo man aber auch feststellte, dass es das brauchte.

 

Interviewer: Warum brauchte es das denn deiner Ansicht nach? Wegen der ganze Architektur oder auch, weil das Publikum einfach nicht bereit war für so was?

 

Kathrin Brinkmann: Also vielleicht war es auch mit der Zeit so eine gewisse Ungeduld. Also des Prozesses, der, glaube ich, sehr langwierig gewesen wäre. Und dann irgendwie die Idee und die kam übrigens sehr schnell auf. Ich habe das vorhin nochmal nachgeschaut. Also die Entscheidung, dass man doch moderiert, die war relativ schnell da. Die war nach drei, vier Tagen schon da. Und zwar vielleicht auch ein bisschen aus der… also aus mehreren Gründen, glaube ich. Es gab, glaube ich, auch schon so ein bisschen, ich würde jetzt nicht sagen Druck, aber doch auch Unverständnis von Seiten von 3Sat irgendwie: „Da muss mehr passieren.“ Und das Coffee House hat sich dann natürlich sofort ganz schnell angeboten als sozusagen Möglichkeit, da auch mit einer Moderation einzusteigen. Und jetzt erinnere ich auch, dass sozusagen er jetzt nicht als herkömmlicher Moderator dann beschrieben wurde, sondern eher so wie eine Art Ober. Also man hat versucht, sozusagen das Programm ernst zu nehmen und die Figuren eines realen Ortes dann und sozusagen in so einer Funktion dann irgendwie aufzutreten. Wobei eigentlich dann sehr schnell es auch klar war, dass die Leute… und die Rückfragen gab es ja auch sofort: „Wer ist das denn, da der jetzt spricht?“ Und mit der Zeit, das war ja auch relativ schnell und das fand ich auch ganz gut, gab es ja immer dieses Bild, das auch öfter zu sehen war aus dem Studio. Wo man auch sah: „Wer sind die Leute, die jetzt sozusagen da am Pult sitzen und die Sendung irgendwie machen?“ Also das heißt, die Leute konnten auch sehen: „Wer ist das, der mit mir jetzt spricht?“ Und beim Coffee House war es, glaube ich, ganz, ganz schnell, also nach wirklich wenigen Tagen klar, dass man da so eine Moderation einsetzt. Später ist das dann auch bei den, also hat man diese Mikros also sozusagen auch bei dem Programm, weiß ich nicht, so Orchestra und Classical Orchestra und Disco und so aufgemacht. Was ich jetzt zum Beispiel gar nicht so sinnvoll fand, das unbedingt zu machen. Wurde dann aber auch irgendwann gemacht. Kann ich mich aber nicht mehr erinnern, ob das dann durchgehend so war oder immer mal wieder.

 

Interviewer: Der Spitzname den Van Gogh TV sich da schnell erworben hat, war diese „Hallo-TV“, das führte dann wahrscheinlich zu der Moderation. Kann man das so sagen, dass da am Anfang halt jemand animierend tätig gewesen ist?

 

Kathrin Brinkmann: Genau. Und dann wurden diese „Hallos“ in diesen leeren Raum reingeworfen und dann haben die Leute angefangen eben: „Wo bist denn du her?“ Also so das, was man so kennt halt und haben sich dann manchmal… Also in den Nächten war es irgendwie, deswegen, glaube ich, sage ich auch, habe ich das als intimere Kommunikation in Erinnerung als tagsüber. Die Leute haben dann auch gesagt: „Hallo Köln“ und so, „nach Köln“, so und für die Zeit die das lief, passierte halt herzlich wenig an Kommunikation. Wobei man das auch nochmal unterscheiden muss. Also was irgendwie witziger war von Anfang an, waren diese Faxgeschichten eigentlich. Also da haben sich die Leute mehr überlegt, was sie da so rein faxen, weil sie sozusagen auch dann ihnen klar war: „Was kommt da?“ Und da entstanden manchmal auch mal ganz witzige Dialoge. Die Leute, die unten am Modem tätig waren – es waren ja wirklich wenig Leute, die das damals überhaupt machten – haben sich eigentlich die ganze Zeit immer über irgendwelche technische und sonstige Sachen unterhalten. Und zwischen diesen drei Ebenen, das war ja auch immer so eine Idee, Telefon, Fax und Modem, die mehr zusammenzuschalten, das hat halt auch in den seltensten Fällen geklappt. Wobei, ab und zu schon. Dass dann Leute, die gefaxt haben nochmal reagiert haben auf irgendwas was dann am Telefon besprochen wurde, mit irgendeinem Fax. Oder manchmal auch die Leute im Modem. Aber eigentlich liefen diese drei Kommunikationswege relativ getrennt voneinander. Die Moderation hat ab und zu darauf Bezug genommen, also dann darauf, ne?

 

Interviewer: Bei den Anrufen war das ja dann auch ein reines Glückspiel, ob man durchkommt oder nicht.

 

Kathrin Brinkmann: Eben.

 

Interviewer: So ist natürlich da auch keine Gemeinschaft entstanden.

 

Kathrin Brinkmann: Genau. Genau.

 

Interviewer: Obwohl der Benjamin in diesem Film, den sie danach gemacht hat, gesagt hat, so nach einigen Tagen hat sich hier eine Virtual Community gebildet. Würdest du das unterstreichen?

 

Kathrin Brinkmann: Also was klar war: Es gab schon immer wieder Leute, die wieder angerufen haben, sich wieder eingeschaltet haben. Es gab so Fans, das gab es, ne? Und auch nachts, also gab es immer wieder Leute, die anriefen und so. Und die dann auch irgendwie anfingen, das kann man schon vielleicht sagen, also so eine Form von, in Anführungszeichen, Beziehung zu den Leuten, die eben nachts dasaßen, aufzubauen. Das war natürlich dann immer vor allen Dingen die Person, die moderiert hat, also eben… Benjamin hat sich übrigens auch mehr zurückgehalten, Karel und Salvatore haben das offensiver irgendwie betrieben so mit der Moderation.

 

Interviewer: Und du hast gerade gesagt, in der Mailbox gibt es so ein technisches Team, könntest du sonst auch irgendwie, also wenn man keinen persönlichen, dauerhaften Zugang hat, dann könnte man ja vermuten, dass da vielleicht bestimmte Themen da irgendwie strukturierend wirken. Gab es da was, außer jetzt der Technik?

 

Kathrin Brinkmann: (…) Also ich habe es wirklich extrem technikdominant irgendwie in Erinnerung. Ich habe auch gemerkt, dass ich da irgendwann echt nur noch wenig hingeguckt habe, weil da immer über irgendwelche Programme und auch irgendwelche Adressen, IT-Adressen auch durchgegeben wurden und so. Also da kann ich jetzt irgendwie gar nicht so dran erinnern, dass da wirklich Themen behandelt wurden.

 

Interviewer: Ich meinte jetzt auch bei den Gesprächen, also…

 

Kathrin Brinkmann: Ach so, bei den Telefongesprächen? (…) Also, was ich in Erinnerung habe, ist eben, (…) also dass es ein großes Thema für die, also die… Also alles, was sozusagen mit dem Medium und der Form der Interaktivität zu tun hatte, hat die Leute interessiert wenn sie anrufen. Wie das funktioniert, dass man da irgendwie im Fernseher ist, wie diese Gruppe arbeitet. Also sie haben sofort eigentlich versucht zu verstehen, wie es funktioniert. Und ein großer Anreiz überhaupt sozusagen da anwesend zu sein. Das war jetzt erstmal das Spiel. Und dann Themen, Documenta war so ab und zu so ein bisschen Thema, wobei der Eindruck für mich eher war, der Kontext der Documenta war für die meisten Anrufer nicht so wahnsinnig interessant. Das waren jetzt auch keine kunstaffinen Leute oder so, die da anriefen. Eher technikaffine Leute, die Zeit verbringen wollten und sprechen wollten, aber noch nicht so richtig wussten, worüber sie sprechen wollten. Manchmal war Tagespolitik Thema. Aber auch oft durch eher angeregt durch die Moderation. Also sehr improvisierte Gespräche so.

 

Interviewer: Lichtenhagen hat sich ja dann (unv.)

 

Kathrin Brinkmann: Lichtenhagen – das war ein Thema. Ganz genau. Stimmt. Das war sogar ein großes Thema, ein politisches Thema.

 

Interviewer: Und in welchem Sinne hat es da auch schon, die in der Zeit ja auch wieder aufpoppen, neuen Nationalismus ein bisschen zum Rechtspopulismus gegeben, wie ist das diskutiert worden?

 

Kathrin Brinkmann: Also die Leute, die anriefen waren eigentlich alle sehr moderat, also soweit ich mich erinnere, also Rechtspopulisten oder so, haben nicht angerufen. Also sie haben das eigentlich alle verurteilt und hatten schon ein Bedürfnis, darüber zu sprechen. Aber eben auch über das, was sie aus den Medien so wahrnehmen. Also an Berichterstattung auch und, ja, aber eine Verurteilung eigentlich größtenteils natürlich dessen.

 

Interviewer: Und auch sonst, du bist jetzt nicht (in der Sendung, was man so?) als Vorläufer des heutigen Storms bezeichnen könnte, dass man sich da beschimpft hat oder dass man sich sonst wie in die Haare bekommen hat?

 

Kathrin Brinkmann: Nein, dann kann ich nur noch so erinnern, eigentlich, dass… Also was es öfters gab, waren eben diese provokativen Anrufe, ne? Wie „Ficken, ficken, ficken“ zu rufen oder „Tötet Helmut Kohl“, hat auch einmal einer gerufen. Das gab es ja schon mal irgendwann. Das wurde, glaube ich, auch erzählt in irgendeiner Sendung mal. Was es schon alles so gab. Das war so ein Spiel wiederum damit. Also solche Anrufe gab es immer wieder, und dieses sozusagen nutzen… Also auch, es gab auch sozusagen sexistische Anrufe einige. Also ab und zu waren ja auch Frauen dann doch da mal dabei. Da gab es auch die Versuche sozusagen sexistische Sprüche loszuwerden. Und in der Anonymität, also das habe ich so beobachtet, das kann ich mich noch daran erinnern, dass sozusagen diese Anonymität, dass man zwar per Stimme anwesend war, aber ja nicht den Namen nennen musste. Und auch irgendwie irgendwas behaupten konnte, woher man jetzt kam, wer man war, wie man hieß und wie alt man ist. Das Spiel sozusagen, da jetzt mal so alles loszulassen, das gab es. Und da sind die Leute ja auch irgendwann dann tatsächlich rausgeworfen worden, wenn das so anfing.

 

Interviewer: Heute nennt man das Trolle.

 

Kathrin Brinkmann: Genau.

 

Interviewer: Gut. Ich meine, sind Leute rausgeworfen worden, dann kommen wir jetzt wieder zu diesem Zensurthema zurück. Gab es denn da so eine definierte Liste, was nicht in Ordnung ist? Facebook hat ja heute die Community-Standards. Gab es da irgendwas Definiertes oder war das eher so aus dem hohlen Bauch?

 

Kathrin Brinkmann: Klar, war keine Werbung, was übrigens auch öfters passierte. Also dass versucht wurde irgendwie, für irgendwas zu werben. Ich glaube, sogar auch durch Fax dann öfter so Werbung zu schicken und so. Solche Versuche gab es einige, dass sozusagen für so eine… als so eine Plattform… Das ging natürlich nicht. Jegliche Form von Beleidigung war verboten. Das waren eigentlich die beiden Hauptkriterien: Werbung und Formen von Beleidigungen.

 

Interviewer: Was ist denn eine Beleidigung? Wenn einer sagt: Idiot, oder?

 

Kathrin Brinkmann: (lacht). Ja, also das wurde dann wiederum unter uns diskutiert, was das eigentlich war. Das ist ja auch nicht definierbar eigentlich, ne? Also Beschimpfungen, Beleidigungen, Verletzungen von sozusagen Grenzen. Ja, wo Leute sich auch beleidigt fühlen könnten. Also das waren so unsere Themen. Aber das ist letztendlich nicht definierbar, das haben wir sozusagen… Wir haben das ja dann wiederum unter uns diskutiert, dann immer vor Ort, ob wir jemanden, wie lange wir jemanden reden lassen oder nicht und wann er rausfliegt.

 

Interviewer: Aber es ist nie verschriftlicht worden – ohne Einverständnis?

 

Kathrin Brinkmann: Nein, überhaupt nicht. Nein. Nein. Nein. Es war eher sozusagen die Aufforderung, jetzt auch natürlich hier von der Redaktion, darauf zu achten. Und im Falle sozusagen von solchen Formen dann lieber die Leute auch wirklich rauszuwerfen. Und es gab so diesen Streit darum, wer das dann macht und da war es dann so, dass wir diese Vereinbarung dann irgendwann hatten, dass der Knopf, also am Anfang glaube ich, war der Knopf so, dass sowohl ich wie die den irgendwie benutzen konnten. Also auch eine komische Diskussion eigentlich darum. Und es war auch so. Also beide hatten irgendwie Zugriff darauf, es war so eine Taste irgendwie. Letztendlich hat es dann aber meistens irgendwie im Einvernehmen dann einer der Ponton-Leute gemacht.

 

Interviewer: Also ich meine auch, auf den Aufnahmen da so ein, ja, so ein Knopf wie auf der Baustelle zu sehen, so eine…

 

Kathrin Brinkmann: Genau.

 

Interviewer: …Halbkugel und…

 

Kathrin Brinkmann: Da konnte man draufdrücken.

 

Interviewer: Und dann konnte man mit der auch, also hat man dann einfach das ganze Gespräch beendet oder einzelne…

 

Kathrin Brinkmann: Einzeln. Du konntest die…

 

Interviewer: …Kandidaten.

 

Kathrin Brinkmann: Genau. Du konntest die Leitung einzeln, konntest du die Leute rausschmeißen.

 

Interviewer: Und kann man sagen, das ist oft passiert, oder?

 

Kathrin Brinkmann: Also ehrlich gesagt, irgendwann ist es auch so gewesen, dass manchmal auch Leute dann einfach rausgeschmissen wurden, weil sie einfach zu lange drin waren oder zu viel Mist geredet haben. Also wo man jetzt gar nicht sagen könnte, er hat jetzt jemand beleidigt oder Werbung gemacht, ja? Also so wurde es dann auch sozusagen die Möglichkeit auch zum Teil benutzt. Obwohl das eigentlich nicht so ganz den eigentlich, ja, abgemachten Spielregeln entsprach, ne? Wobei, da vorgeschaltet war dann irgendwann dieses Timeout. Das gab es Anfang auch nicht so. Das Timeout wurde dann irgendwann auch mehr eingesetzt, also um Leute sozusagen, um die Gesprächszeit eben auch zu begrenzen. Letztendlich natürlich auch zu begrenzen, damit die Leute auch selber wissen, sie haben halt auch nur eine bestimmte Zeit und wenn sie jetzt wirklich etwas Interessantes sagen wollen, sollten sie diese fünf Minuten nutzen.

 

Interviewer: Aber wenn man nur so eine bestimmte Zeit hat, trägt es natürlich auch nicht gerade zur Bildung einer Gemeinschaft bei.

 

Kathrin Brinkmann: Genau. Und deswegen war das, glaube ich, nachts dann eben auch interessanter, weil es da nicht so war mit diesen Timeouts. Also meiner Erinnerung nach, waren deswegen die Gespräche auch interessanter in der Nacht.

 

Interviewer: Was hätte man denn deiner Ansicht nach anders machen können, um das noch interaktiver und noch gemeinschaftsbildender zu machen?

 

Kathrin Brinkmann: Ah, ich glaube schon, dass das irgendwie doch interessanter ist, wenn man irgendwie so Themen setzt. Also so ein offenes Coffee House, wo jeder über das reden… das ist, glaube ich so eine… Also ich verstehe das sozusagen, aber ich habe sehr gut verstanden, ich fand das im Grunde auch sehr sympathisch so eine Idee: Man lässt sozusagen eine Kommunikation laufen und man guckt, was sich zwischen den Leuten ergibt. Und auch die Hoffnung zu haben, dass sich da eben interessante Sachen ergeben. Und das hat sich eben letztendlich nicht so wahnsinnig eingestellt. Aus diversen Gründen, glaube ich, weil es schwierig war durchzukommen, weil Leute das Angebot nicht so genutzt haben. Und deswegen glaube ich, ist sozusagen so eine Vorgabe von bestimmten Themen, über die man spricht, glaube ich, doch einfach sinnvoll. Ja. Und das ist ja auch mehr und mehr dann passiert. Also als Anregung. Oder diese Piazzettas waren ja auch immer Anregungen eigentlich zum Gespräch.

 

Interviewer: Hattest du das Gefühl, dass innerhalb der drei Monate, dass das Publikum auch gelernt hat mit diesem System umzugehen oder (dass da nach der Hallo?) quasi sich nicht mehr geändert?

 

Kathrin Brinkmann: Na ja, wie gesagt, bei den Leuten, die sich öfters einschalteten schon, ja? Also und es gab auch Leute, die dann auf Sendung vorher reagierten und sagten, das fanden sie irgendwie toll oder das hat sie irgendwie interessiert und haben dann nochmal Bezug darauf genommen. Ich glaube, so alleine, dass es stattfand, also das war auch eine große Diskussion, wenn ich mich so richtig erinnere. Auch in der Diskussion übrigens zwischen Sender und Ponton dann. Die haben natürlich trotz allem, also auch trotz der Veränderung, die sie relativ schnell vorgenommen haben, unglaublich dafür plädiert, dass man diese Zeit gibt und dass man diese Zeit eben haben muss. Und dass über diese drei Monate auch was entstehen kann. Und das ist natürlich für einen Sender, der Programmzeit als kostbar erstmal empfindet und der sie sozusagen eigentlich dramaturgisch dicht und streng durchgeplant haben möchte, damit, in Anführungszeichen, die Leute auch dranbleiben und etwas Interessantes geboten bekommen, komplett das Gegenteil eines Ansatzes. Und dass das natürlich anders war und ist, war ja auch klar. Also dass man dieses Fernsehexperiment so auch machen wollte. Und man hat ja jetzt auch tagsüber jetzt nicht die interessanteste Zeit irgendwie eingeräumt und jetzt kann man sich auch fragen: „Ist die Zeit zwischen elf und eins so spannend? Wer ruft und kann da irgendwie anrufen?“ Da waren natürlich im Sommer auch einige Kinder, die das probiert haben. Klar, ne? Die irgendwie Ferien hatten und so. Aber das war ja klar, man gibt diese Zeit. Aber irgendwie gab es dann schon, glaube ich, so öfters mal die Auseinandersetzung: „Kann man es nicht doch irgendwie interessanter gestalten? Kann da nicht ein bisschen mehr passieren?“

 

Interviewer: Also das ist nie als Ganzes deswegen in Frage gestellt worden, dass man nach einer Woche gesagt hat: „Das ist ja stinklangweilig, wir zeigen es lieber (unv.)“?

 

Kathrin Brinkmann: Nein, das war ja, glaube ich, auch letztendlich vertraglich klar, dass das passieren muss. Also dass man das jetzt nicht… Also vielleicht hätte man es auch irgendwie kündigen können, aber ich glaube, das war jetzt niemals ernsthaft wirklich in Frage gestellt. Die Hoffnungen waren, glaube ich, auf allen Seiten größer als das, was dann passiert ist. Aber es wurde gleichzeitig… (…) war es so eine Sommerprogrammierung, wo man gesagt hat, das ist auch klar, das läuft jetzt eben auch so durch, ne? Es gab ja dann auch – das fand ich eigentlich auch ganz gut, das ist aber auch nicht so wahnsinnig oft genutzt worden – auch den Wunsch, und das haben die auch selber gemerkt, sich ein bisschen mehr dann auch mit der Documenta noch so zu verbinden. Dann gab es diesen Speaker Corners irgendwann, der auch da beim Fridericianum stand, wo man sich auch einschalten konnte, ne? Solche Überlegungen, sich da selber auch mehr anzubinden, Gäste einzuladen. Das passierte ja dann auch mal. Dann gab es auch mal irgendwann so Kochshows, glaube ich, ne? Leute haben irgendwie gekocht auf der Piazza. So Sachen haben die Ponton-Leute dann selber irgendwo auch, glaube ich, so ein bisschen aus dem Wunsch heraus mehr passieren zu lassen, dann sich überlegt, ne?

 

Interviewer: Aber es klingt eigentlich, als ob man von diesem vollkommenen Freiraum dann doch wieder zu tradierten und eingeführten und funktionierten Fernsehformaten sich so langsam zurückgetastet hat.

 

Kathrin Brinkmann: Ja, wobei das würden sie, glaube ich, bestreiten. Das war jetzt ja auch nicht immer so, aber ich habe das in Erinnerung, dass das sozusagen mehr und mehr mit der Zeit passierte. Und das hat aber auch sicherlich was damit zu tun, dass alle mit der Zeit auch so ein bisschen müde waren und ja auch unheimlich viel Zeit da verbrachten, diese drei Monate. Und wir auch immer anwesend waren, also die hatten da so ab und zu mal, eine immer mal so ein Wochenende off, aber eigentlich auch nicht, ne?

 

Interviewer: Stichwort „müde“, das war jetzt gerade, was ich auch fragen wollte: Hat es dann irgendwann genervt? Warst du froh, als es vorbei war? Hast du es dir nach einem halben Jahr wieder zurückgesehnt, diese Nähe der Zusammenarbeit?

 

Kathrin Brinkmann: Also man gewöhnt sich so an bestimmte Abläufe, ne? Also diese Müdigkeit nahm zu. Gerade diese Nächte, das habe ich schon gemerkt nach drei Monaten, dass ich da jedes Wochenende zwei Nächte wirklich bis morgens um sechs und dann kannst du auch schlecht schlafen dann oft, ne? Das habe ich schon gemerkt. Also ich hatte auch echt eine Müdigkeit, also so dann am Ende. Das sind natürlich auch so gruppendynamische Prozesse gewesen, die auch stark stattgefunden haben. Im Team, mit dem Team, wie man miteinander umging. Also wie gesagt, der Umgang mit mir war im Ganzen – ich war natürlich auch eine Vertreterin des Senders – war im Ganzen sehr nett, ja. Ich kann mich da irgendwie nicht beklagen. Aber es gab eben schon auch immer wieder Auseinandersetzungen über das, was da passierte und mit mir wurde natürlich auch so ein Spiel getrieben. Einerseits bin ich auch so ein bisschen zum Teil der Gruppe geworden, weil ich war ja immer da. Und gleichzeitig war ich aber auch die Feindin vom Sender. Und damit wurde natürlich auch gespielt. Also witzig gespielt dann auch. Ich war irgendwie dann auch schon froh, dass es vorbei war nach drei Monaten. Aber ich fand die Zeit jetzt auch nicht… Ich habe mich auch also (…) nicht nur gequält oder so. Also ich habe das auch als interessant empfunden dabei zu sein. Aber ich habe es schon so empfunden, dass so diese ganz große sozusagen Vision „Was könnte ein interaktives Fernsehen sein, mit der Beteiligung und sozusagen Prozesse, die in Gang kommen?“, das habe ich nicht, habe ich wenig so erlebt.

 

Interviewer: Als du dann später mit dem Internet zu tun hattest, hast du da so Bezüge gesehen, hast du gedacht: „Jetzt ist das eher möglich, was damals nicht möglich war“ oder hast du (unv., gleichzeitig gesprochen)

 

Kathrin Brinkmann: Na ja, ich würde schon sagen, dass so bestimmte Verhaltensweisen, die wir jetzt sehen, schon da sich angedeutet haben. Das würde ich ganz klar so sehen. Aber was bedeutet die Anonymität? Hat die Anonymität eigentlich was zu sagen, wo die Leute also weniger Hemmungen haben? Aber das meine ich jetzt nicht, das meine ich eben in schon in Richtung von „Äußerungen radikaler, verletzender, ob nun sexistischer, rassistischer oder provozierender Tätigkeiten“. Und eben nicht dafür sich rechtfertigen zu müssen oder irgendwie wahrgenommen zu werden. Also dann kann das eben alles da so rausposaunen. Und deswegen gab es ja doch durchaus auch sozusagen sowas wie Zensur dann. Also das ist sozusagen so eine Art Missbrauch. Also ein destruktiver Umgang letztendlich. Das, finde ich, konnte man total schon damals sehen. Absolut. Und man kann vielleicht auch sehen, wie Leute sozusagen sich desgleichen suchen. Also die Leute, also so was wie Technikdiskurse oder so. Also dass Leute sozusagen Menschen suchen, mit denen sie über das Gespräche führen können, das sie eben interessiert. Also sozusagen Kleingruppen bilden. Und solche Form von Auseinandersetzung „Wer spricht jetzt mit wem über was?“ sich einzulassen auf was, was man vielleicht jetzt gerade selber nicht so interessant findet. Auch das konnte man da irgendwie beobachten.

 

Interviewer: Also das wäre ja dann auch was, was heute vergleichbar wäre. Dass man sich halt so mit Spezialthemen, sage ich mal, eine kleine Nische schaffen (wäre?)

 

Kathrin Brinkmann: Also das konnte man zum Beispiel sehr gut an diesen… Also die waren ja eh dann natürlich eine Nische, die Leute, die da unten in dieser Mailbox tätig waren. Aber die haben auch ihre Nische sehr bedient, ne? Also anstatt sich jetzt da irgendwie anderweitig zu beteiligen. Also solche Sachen, finde ich, konnte man da sehr gut sehen.

 

Interviewer: Eine Frage noch zur Technik: Hat es denn auch so funktioniert, also ich meine, es war ja alles relativ neu und selbst gebastelt oder gab es da auch…

 

Kathrin Brinkmann: Gab es schon öfters Pannen.

 

Interviewer: Zum Beispiel?

 

Kathrin Brinkmann: Ja, dass zum Beispiel auch, das war auch öfter Thema, mit der Leitung irgendwie nach Mainz. Dass das oft, manchmal ging es nicht pünktlich los. Gerade am Anfang gab es da öfters technische Probleme, dass es zehn Minuten später online war. Das Hochladen der Programme dauerte manchmal auch Zeit. Es hat auch manchmal nicht funktioniert. Da wurde öfters probiert, dann wurden manchmal auch schneller Ersatzprogramme hochgestartet. Ich glaube, wir haben dann auch daran gearbeitet, dass es irgendwie ein Ersatzprogramm gab, das immer dann hochgeladen werden konnte, wenn sozusagen mit den existierenden Problemen passierten. Also das waren Lernprozesse, die dann irgendwie mit der Zeit… Und auch übrigens dieses Technikbild, also was man sah, das wurde auch gestartet, um zwischenzeitlich Lücken zu überbrücken. Dass man einfach dieses Bild, dieses Livebild des Ortes von dem gesendet wurde, hatte. Dass man auch zwischendurch immer mal wiederbringen konnte, ne, wenn jetzt Programme nicht starteten.

 

Interviewer: Dieser Ort hat ja so gar nichts gestaltet. Also man würde eigentlich gar nicht denken, dass da Künstler am Werk waren. Heute ist das so ein eigens Genre geworden, Künstler lassen bestimmte Räume entstehen. Hattest du das Gefühl, dass du da irgendwie mit Künstlern zu tun hast oder waren das selber so eine Selbstdarstellung (unv.) Technikern und Künstlern…

 

Kathrin Brinkmann: Also die meisten von den Leuten waren ja schon Leute, die… Also zum Beispiel war einer dabei, der arbeitete im Chaos Computer Club damals schon mit. Dann gab es andere, die so aus der Medienkunst kamen. Die kamen alle eigentlich, fast alle kamen so ein bisschen schon aus so Medienkunststudiengängen. Und haben sich jetzt vielleicht nicht alle Künstler definiert, aber als kunstaffin auf jeden Fall. Und für Salvatore, Karel, und Karel insbesondere, und auch Mike Hentz, war das ganz wichtig, das als Kunstprojekt zu sehen. Also das war ganz bedeutend. Also die hätten das niemals… also das, für sie war es ganz klar ein Kunstprojekt. Und in dem Sinne für mich, ich war mir da nicht so ganz sicher, also als was ich das damals eigentlich empfand und präsentiert hat es sich erstmal, das war ja auch ein bisschen Vorwurf. Also wenn du dahin kamst, hast du eigentlich erstmal Technik gesehen und Werbung, weil die sich natürlich ganz stark auch über Werbung finanziert haben. Also neben Lavazza waren ja so diverse andere Firmen beteiligt, die auch aus Innovationsgründen der Technik wegen sich beteiligt haben. Nicht aus Kunstgründen, ne?

 

Interviewer: Die sehen wollten, was kann man mit der Technik machen, die da…?

 

Kathrin Brinkmann: Genau.

 

Interviewer: Wen würdest du denn jetzt noch interviewen, wenn du an meiner Stelle wärst?

 

Kathrin Brinkmann: Also wen hast du denn alles interviewt?

 

Interviewer: Also bisher Benjamin und Karel und…

 

Kathrin Brinkmann: Salvatore?

 

Interviewer: Noch nicht, aber um die kommt man nicht rum. Natürlich, aber ich meine jetzt jenseits von dieser eigentlichen Van Gogh TV-Gruppe.

 

Kathrin Brinkmann: Also ich fand einen Typen da auch noch unheimlich interessant, der hatte so mit Robotik zu tun. Der gehörte auch zum Team, der war aber nicht so oft da. Also ich müsste nochmal die Namen der Leute vom Team durchgehen. Also wer auch sehr interessant, weil der war eben technisch so wahnsinnig avanciert. Das war eben dieser Christian, der beim Chaos Computer Club da mitarbeite. Und der ist auch, glaube ich, danach dann Mitglied, also ein sehr aktives Mitglied gewesen. Dann gab es (Jesco?) dann gab es noch so… Ja, ich finde diese Typen vielleicht nicht ganz uninteressant, die von außerhalb kamen. Also es kam auch so ein Typ noch aus Litauen, der war dann zeitweise mal Assistent von Karel. (Koli?) oder so ähnlich hieß der. Müsste ich auch nochmal gucken nach dem Namen.

 

Interviewer: Ich gucke nachher noch, ich habe eine Liste von allen Beteiligten (unv.)

 

Kathrin Brinkmann: Genau, dann kann ich dir das nochmal sagen.

 

Interviewer: (unv.) hinweggehen. Aber da fällt mir gerade noch ein, wo ich Assistent höre: Es war ja offenbar auch gar nicht so viel Geld vorhanden jenseits der Technik. Hat das irgendwie zu (so was?) mitgenommen, dass sich da auch beschwert wurde: „Wir arbeiten ja nicht für umsonst oder für zu wenig.“

 

Kathrin Brinkmann: Ein bisschen schon. Ich meine, wie gesagt, das Team war relativ jung, das waren alles Leute, die natürlich sich auch davon versprachen, für sich selber, also weiterzukommen als Medienkünstler, als also Leute in diesem Umfeld. Die haben sich auch versprochen sicherlich durch dieses Projekt irgendwie, dass sie mitgemacht haben, später in andere Jobs zu kommen. Die haben alle ja ein bisschen Geld bekommen, aber nicht viel. Also eigentlich nur ein Taschengeld. Die haben sozusagen gestellt bekommen, umsonst wohnen zu können. Die Reisekosten dahin und ein bisschen Taschengeld. Also die haben nicht viel verdient dieses Team. Und die wurden, wie gesagt, also haben schon viel gearbeitet, auch sicherlich freiwillig. Also da gab es schon Regelungen, wann sie auch frei hatten. Jeder hatte, glaube ich, einen freien Tag auch in der Woche. Aber manchmal haben die sich auch ein bisschen beschwert. Also klar, und dann auch gerade, wenn sie schlecht behandelt wurden, was eben ab und zu passierte.

 

Interviewer: Okay. Ich gehe gerade noch in meinem Kopf meine Fragen durch, aber ich glaube, das ist es dann erstmal.

 

Kathrin Brinkmann: Also nur nochmal zum, was ich gesehen hatte, nochmal in meinen Aufzeichnungen. Karel zum Beispiel hat dann irgendwann mal das Zensieren als künstlerischen Akt, zum künstlerischen Akt erhoben. Also so ging das dann eben auch, also…

 

Interviewer: Gibt es sonst noch was aus den… also, weil du ja auch Notizen hast. Oder was hast du denn dem Wolfgang Bergmann geschrieben Du hast ja gesagt, du hast (unv.)

 

Kathrin Brinkmann: Na ja, eben so ein bisschen eher so über die Erfahrung so für mich so. Aber auch über ein bisschen die… dass sich sozusagen diese große Vision eines von Zuschauern gemachten Fernsehens der Beteiligung so zumindest in den ersten sechs Wochen nicht eingelöst hatte.

 

Interviewer: Und was hast du so vom Sender zurückbekommen? Also du warst ja sozusagen zwischen den Fronten.

 

Kathrin Brinkmann: Ja, die haben immer mal wieder auch ermutigt, dass man mehr Angebote macht. Wir haben diese verschiedenen Programme auch diskutiert. Coffee House war… ja Coffee House war ja der absolute Renner. Das war ja das, was die… also, aber weil sie da sprechen konnten. Die haben dann aber auch natürlich, wenn sie konnten, auch lustig eben Orchestra rumgequatscht. Also weil die wollten einfach sprechen. Also dieses Bedürfnis irgendwie zu sprechen, war schon sehr spürbar und diese anderen Angebote wurden schon auch wahrgenommen. Aber ich glaube, da steckt auch so was seltsam Anonymes drin. Ich sitze zwar dann irgendwie an meinem Telefon zu Hause und kann über Tastendruck… Irgendwie sehe ich zwar auch was sich verändert, aber der Reiz ist, glaube ich, relativ schnell ausgespielt, ne?

 

Interviewer: Wenn man sich überlegt, dass es von Künstlern kam, sah es eigentlich auch mehr wie Unterhaltungselektronik aus.

 

Kathrin Brinkmann: Fand ich auch. Ich …… fand jetzt auch nicht die Ästhetik…

 

Interviewer: (unv., gleichzeitig gesprochen) …… Einschränkungen auch zu tun, aber… #00:43:37-5#

 

Kathrin Brinkmann: Ich fand es auch ästhetisch nicht alles… Also da gab es noch dieses Media Landscape, das war so das Avancierteste, wenn ich mich so erinnere, mit so Animationen auch. Also man konnte ja da über Worte auch Bilder auslösen. Aber es blieb letztendlich… die Kreativität der Zuschauer war Tasten zu drücken, ja? Und das ist halt begrenzt interessant dann auch, ne?

 

Interviewer: Die haben auch mal wieder erzählt, dass es da auch so Fans gab, die sich dann zusammengeschlossen haben um das zu gucken und dann immer nach Kassel gekommen sind. Können Sie sich daran erinnern?

 

Kathrin Brinkmann: Ja, da kann ich mich daran erinnern. Genau. Die waren auch mit im Studio dann mal, auch an irgendwie so einem Abend, glaube ich, mal.

 

Interviewer: Und was waren das für…

 

Kathrin Brinkmann: Das waren so, das waren schon auch so eher so Jungs-Gruppen, die eher technoaffin waren, die es toll fanden. Aber total nett, also… aber schon Nerds. Na ja. okay. Ja, also es gab schon so Fangruppen, die nach Kassel kamen und einfach sehen wollten: „Wie sieht das aus?“ und dann einfach so einen Tag da verbrachten, mit im Studio waren, auch bei der Sendung mit dabei waren. Das wurde auch immer – das fand ich auch ganz schön – von Karel, Salvatore, bei denen ja auch immer ganz offengelegt. Und dann waren die eben Teil der Sendung und dann hat man mit denen so ein Coffee House auch improvisiert. Und die waren vor allen Dingen eben schon daran interessiert wie das funktioniert, also technisch und wie es möglich ist und, ja, aber wirklich Fans. Aufgeschlossen.

 

Interviewer: Okay. Dann vielen Dank.